05. Dezember 2025 Marcus Schwarzbach
KI übernimmt zunehmend Führungsaufgaben in Unternehmen. Doch wer kontrolliert eigentlich die digitalen Chefs? Eine EU-Studie fordert neue Regeln.
Die Digitalisierung wirkt sich auf das Arbeitsleben aus. Während Gewerkschaften vor allem Qualifizierungsmaßnahmen fordern und Arbeitsplätze gefährdet sehen, fürchten Datenschützer permanente Überwachung.
Die Technik kann jedoch auch dazu führen, dass Beschäftigte von Maschinen gesteuert und Anweisungen per Software erhalten. Das zeigt eine neue Studie des Wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments (EPRS).
In vielen Bereichen werden digitale Daten von Beschäftigen gesammelt. Mit den gewonnenen Daten können dann Leistungen gemessen werden. Bekannt ist häufig, wie Fahrradkuriere per App gelenkt werden. Künstliche Intelligenz (KI) und Algorithmen übernehmen zunehmend die Organisation von Arbeit ganzer Berufsgruppen.
Personal wird per KI gezielt eingesetzt, die Einhaltung von Arbeitsanweisungen online kontrolliert. In vielen Betrieben sind technisch-organisatorische Veränderungen im Gange, die seit Langem aus Callcentern bekannt sind. Die Technik ermöglicht es dort, die Beschäftigten ständig zu überwachen, zu bewerten und zu steuern.
Laut der Studie geben EU-weit bereits 42 Prozent der Beschäftigten an, von algorithmischen Managementsystemen betroffen zu sein. Diese Systeme sind längst nicht mehr auf Lieferdienste beschränkt. Sie finden sich in Lagerhäusern, Krankenhäusern, Telekommunikation oder Industrie.
Inzwischen ist dieses algorithmische Management auch bei Büroarbeit per Workflow-System üblich. In Bereichen mit Kundenkontakt haben die Mitarbeiter keinen Einfluss mehr auf die Entscheidung, welche Arbeitsvorgänge sie übernehmen. Stattdessen wird die eingehende Arbeit automatisiert durch Workflowsysteme in persönliche Arbeitskörbe verteilt und gesteuert.
Technik verteilt die Arbeit, Vergleichszahlen unterschiedlicher Kundenberater werden zum Benchmarking genutzt, auch KI wird zur Auswertung eingesetzt.
Es geht hier nicht nur um Jobverlust durch Automatisierung, verdeutlicht Titus Udrea von der Arbeiterkammer Wien. Neben steigendem Arbeitsdruck, ist die fehlende Transparenz belastend. Die Systeme definieren, was als "pünktlich" oder "effizient" gilt.
"Viele Arbeitnehmer:innen wissen nicht, wo Systeme eingesetzt werden, wie die Bewertung berechnet wird, wie die Daten verwendet werden oder wie sie diese anfechten können."
Die Studie macht klar: Diese Auswertungen setze Beschäftigte unter Druck. Denn Kontrolle in Echtzeit bedeutet, dass Vorgesetzte jederzeit die Daten sehen können und Angestellte unter Rechtfertigungsdruck setzen.
Die Studie warnt vor der Vorstellung, neue Technik sei nur ein Problem des Datenschutzes. Vielmehr haben Unternehmen so neue Möglichkeiten auf die Arbeitsbedingungen Einfluss zu nehmen. Eine Tracking-System sei nicht nur ein Produktivitätstool, sondern Teil der Arbeitsbeziehung mit Auswirkungen auf Autonomie: Denn Entscheidungen trifft im Sinne des Unternehmens die Software.
All das dies wirkt sich auf die Gesundheit des Beschäftigten aus. Eine weitere Konsequenz betrifft die Geschäftsprozessoptimierung. Der Geschäftsprozess beginnt mit der Kundenanfrage und reicht bis zur Feststellung der Kundenzufriedenheit.
Gemessen werden etwa die Bearbeitungsdauer, Gesprächsdauer, Wartezeiten, Antwortzeiten, Prozessdurchlaufzeiten oder Service Level. Die Technik erleichtert, Prozesse ständig zu messen. Der nächste Schritt aus Managersicht ist die Standardisierung, die zu Automatisierung führen soll.
Algorithmisches Management setzt unter Druck
Lücken in der Regulierung kritisiert Techno-Soziologe Udrea:
"Algorithmisches Management ist keine Zukunftsfrage mehr, sondern zunehmend Realität in den Betrieben. Es verändert, wie Führung, Kontrolle und Leistung in der Arbeitswelt verteilt werden: weg vom persönlichen Gespräch, hin zum Urteil des Systems."
Es gebe zwar rechtliche Schutzinstrumente, etwa im Datenschutz oder Arbeitsschutz, doch sie greifen oft nur punktuell. Titus Udrea fordert daher erweiterte Arbeitsrechte.
Die Studie bestärkt diese Position. Darin heißt es, dass zwar die EU-KI-Verordnung die untersuchten Systemen als risikoreiche KI-Systeme einstuft, wenn sie am Arbeitsplatz eingesetzt werden. Das verpflichtet Unternehmen zu Transparenz – sind allerdings nicht verpflichtet, Verzerrungen in Algorithmen zu mindern, die Beschäftigte diskriminieren könnten, so die Untersuchung.
EU-Abgeordnete fordern deshalb Änderungen beim Beschäftigtenschutz. So sollen "finale Entscheidungen über Einstellungen, Kündigungen oder Vertragsverlängerungen, Gehaltsänderungen oder Disziplinarmaßnahmen immer von einem Menschen getroffen werden", berichtet Anna Ströbele Romero für netzpolitik.org über aktuelle Pläne.
Beschäftigte sollen sich algorithmische Entscheidungen erklären lassen können. Die EU-Kommission hat aber offensichtlich ganz andere Ziele. Mit einer "Entbürokratisierungs- und Deregulierungs-Agenda" will Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die EU-KI-Verordnung aufweichen. Sie folgt damit Druck aus deutschen Unternehmen, aber auch aus den USA.



