Kann KI die Welt retten?

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11. Januar 2026 Michaela Simon

Eine Herde Gnus in Staubwolken

Eine Herde Gnus in Afrika. Bild: Shutterstock.com

Unsere Hoffnung auf KI in der Klimakrise, unsere Angst vor Verzicht – und die Frage, wer eigentlich handelt, wenn wir es nicht tun.

In einer Gesellschaft, die zunehmend an ihre planetaren Grenzen stößt, scheint KI eine paradoxe Rolle einzunehmen. Sie ist Produkt eben jenes Systems, das Natur über Jahrzehnte hinweg als Ressource behandelt hat – und soll nun helfen, deren Zerstörung aufzuhalten.

Mehr als eine Rechenaufgabe

Kann ein Werkzeug, das auf Daten, Optimierung und Zielvorgaben basiert, eine Beziehung zur Natur fördern, die auf Respekt, Vielfalt und langfristigem Denken beruht? Oder verfestigt es lediglich ein technokratisches Weltbild, das ökologische Probleme als Rechenaufgaben missversteht?

Mit ihrem Buch "Kann KI die Natur retten?" widmen sich die Beraterin und Biodiversitätsexpertin Dr. Frauke Fischer und die Wirtschaftswissenschaftlerin Hilke Oberhansberg genau diesen Spannungen.

Sie analysieren konkrete Anwendungsfälle von KI im Naturschutz, ordnen sie wissenschaftlich ein und stellen zugleich die unbequemen Fragen nach Verantwortung, Macht und Werteorientierung. Entstanden ist ein reflektiertes Plädoyer für einen nüchternen, ethisch fundierten Umgang mit einer der prägendsten Technologien unserer Zeit.

Eine unbequeme Frage an unsere Zeit

▶ Frau Dr. Fischer, der Titel Ihres Buches stellt eine große, fast schon philosophische Frage: Kann KI die Natur retten? Warum haben Sie sich für diese Zuspitzung entschieden?

Frauke Fischer: Weil genau diese Frage derzeit implizit im Raum steht. KI wird oft als Lösung für nahezu jedes Problem gehandelt – auch für ökologische Krisen. Uns war es wichtig, diese Erwartungshaltung sichtbar zu machen und kritisch zu prüfen.

Die Frage ist weniger, ob KI etwas kann, sondern was wir von ihr erwarten und wofür wir sie einsetzen. Der Titel soll zum Nachdenken anregen, nicht zur schnellen Zustimmung.

▶ Wenn man die öffentliche Debatte verfolgt, scheint KI oft als neutraler Problemlöser betrachtet zu werden. Ist sie das?

Frauke Fischer: Nein, ganz klar nicht. KI ist niemals neutral. Sie basiert auf Daten, Algorithmen und Zielvorgaben, die von Menschen gemacht sind. Das bedeutet: Unsere Werte, Interessen und blinden Flecken schreiben sich in diese Systeme ein.

Wenn wir KI einsetzen, um die Natur zu schützen, müssen wir uns fragen, welche Prioritäten wir ihr mitgeben – und welche wir vielleicht unbewusst ausklammern.

Wo Algorithmen tatsächlich helfen

▶ Wo sehen Sie denn reale, bereits heute wirksame Einsatzmöglichkeiten von KI im Naturschutz?

Frauke Fischer: Vor allem im Bereich des Monitorings. KI kann große Datenmengen auswerten, etwa Satellitenbilder oder Tonaufnahmen aus Wäldern und Ozeanen. So lassen sich Entwaldung, Wilderei oder das Vorkommen bestimmter Arten schneller und präziser erkennen.

Auch in der Landwirtschaft oder im Fischereimanagement gibt es sinnvolle Anwendungen, etwa um Ressourcen gezielter und schonender einzusetzen.

Wo beginnt die problematische Seite?

▶ Das klingt nach echten Fortschritten. Wo beginnt die problematische Seite dieser Entwicklung?

Frauke Fischer: Problematisch wird es dort, wo Technik als Ersatz für gesellschaftliche und politische Entscheidungen gesehen wird. KI kann anzeigen, dass ein Wald abgeholzt wird – sie kann aber nicht verhindern, dass das geschieht.

Wenn wirtschaftliche Interessen stärker wiegen als Naturschutz, wird auch die beste Technologie daran nichts ändern. Zudem besteht die Gefahr eines "grünen Technikoptimismus", der strukturelle Ursachen ausblendet.

Was bedeutet "Solutionismus"?

▶ Sie sprechen im Buch auch von der Gefahr des Solutionismus. Was meinen Sie damit?

Frauke Fischer: Solutionismus beschreibt die Vorstellung, komplexe gesellschaftliche Probleme ließen sich durch technische Lösungen beheben, ohne an grundlegenden Strukturen etwas zu verändern.

Beim Naturschutz ist das besonders heikel. Biodiversitätsverlust ist kein technisches Problem, sondern ein Ergebnis unseres Umgangs mit Natur, Wachstum und Konsum.

KI kann helfen, Symptome besser zu managen – sie heilt aber nicht die Ursachen.

Der ökologische blinde Fleck

▶ Hinzu kommt, dass KI selbst erhebliche Ressourcen verbraucht. Wie passt das zusammen?

Frauke Fischer: Das ist ein zentraler Widerspruch. Große Rechenzentren benötigen viel Energie und Wasser, Trainingsprozesse sind extrem ressourcenintensiv.

Wenn wir KI für den Naturschutz einsetzen wollen, müssen wir auch ihre eigene ökologische Bilanz kritisch betrachten. Sonst laufen wir Gefahr, Probleme zu verschieben, statt zu lösen.

KI kann keine ethischen Entscheidungen treffen

▶ Welche Rolle spielt Ethik in diesem Zusammenhang?

Frauke Fischer: Eine entscheidende. Naturschutz ist immer normativ – es geht um Werte, um die Frage, was wir schützen wollen und warum. KI kann keine ethischen Entscheidungen treffen, sie kann sie höchstens abbilden.

Deshalb brauchen wir klare Leitplanken: Transparenz, demokratische Kontrolle und eine Einbettung in politische Prozesse. Ohne das wird KI schnell zum Instrument bestehender Machtverhältnisse.

▶ Was sagt die aktuelle KI-Debatte über unsere Gesellschaft aus?

Frauke Fischer: Sie zeigt, wie sehr wir nach Kontrolle und Sicherheit suchen. KI verspricht Übersicht in einer unübersichtlichen Welt.

Gleichzeitig offenbart sie unsere Unsicherheit darüber, wie wir künftig leben wollen – insbesondere im Verhältnis zur Natur. Die Technologie zwingt uns, diese Fragen explizit zu stellen, und das ist vielleicht ihr größter Wert.

Der wichtige Dreiklang

▶ Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser aus Ihrem Buch mitnehmen?

Frauke Fischer: Vor allem Realismus und Verantwortung. KI ist weder Retterin noch Feindin der Natur. Sie ist ein Werkzeug, das – richtig eingesetzt – unterstützen kann.

Aber sie entbindet uns nicht von der Pflicht, unser eigenes Handeln zu hinterfragen. Wenn wir Technologie mit ökologischem Wissen, politischem Mut und einem respektvollen Naturverständnis verbinden, kann sie Teil einer Lösung sein. Ohne diesen Dreiklang bleibt sie ein technisches Versprechen ohne moralische Substanz.

Frauke Fischer, Hilke Oberhansberg: Kann KI die Natur retten? Wie Künstliche Intelligenz Tierarten und Ökosysteme schützen und den Umweltschutz revolutionieren kann – Chancen und Risiken der Technologie für unseren Planeten. Oekom-Verlag. ISBN: 978-3-98726-163-3 Hardcover, 216 Seiten

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