Kälte als Waffe: Russlands Winterstrategie

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Stand: 26.09.2026, 08:00 Uhr

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Russlands Verteidigungsministerium kündigte bereits offen das „Einfrieren“ der Ukraine an. Auch abseits der Front droht ein Extremtest für Zivilisten.

Vier Kriegswinter hat die Ukraine bereits überstanden. Jeder war härter als der vorherige. Doch der Winter 2026/2027 könnte eine neue Dimension erreichen. Russland hat seine Angriffstaktik verändert, seine Drohnenproduktion massiv ausgebaut – und die ukrainische Luftabwehr ist so angespannt wie nie zuvor. Für Millionen Ukrainer stellt sich die Frage nicht mehr, ob der Winter brutal wird, sondern wie brutal er sein wird.

Winter in Kiew

Besonders im Winter treffen die russischen Drohnenangriffe auf die Energieinfrastruktur die Ukraine schwer. (Archivbild) © Danylo Antoniuk/Ukrinform/dpa

Russland verfolgt nach Einschätzung von Experten des Institute for the Study of War (ISW) keine klassische Kriegsentscheidung durch einen einzelnen Großangriff. Stattdessen setzt der Kreml auf systematischen Druck: gezielte Schläge gegen die Energieversorgung, Heizinfrastruktur und zivile Lebensgrundlagen, wie Blackouts. Hier sei das Ziel, die ukrainische Bevölkerung schrittweise zu zermürben. Der polnische Premierminister Donald Tusk brachte es auf den Punkt: „Die Russen sind nicht an ernsthaften Friedensgesprächen interessiert, zumindest nicht bis zum Ende des Winters. Sie sind überzeugt, dass der Winter für die Ukraine tragisch-kritisch sein wird.“

Drohnen, Blackouts, Minusgrade: Russlands Instrument der Erschöpfung

Bereits im Winter 2025/2026 zeigte sich, wie verheerend diese Strategie wirken kann. Laut einem Bericht des UN-Menschenrechtsmonitorings (OHCHR) griffen russische Streitkräfte Energieanlagen in der gesamten Ukraine systematisch und wiederholt an, oft mit Hunderten Waffen in koordinierten Wellen. Die Angriffe beschädigten Strom- und Wärmekraftwerke sowie Übertragungs- und Verteilungsanlagen, die bereits durch frühere Attacken stark geschwächt waren. Es war der kälteste Winter in der Ukraine seit 2010, mit Temperaturen unter minus 20 Grad Celsius.

Die humanitären Folgen waren gravierend. Laut OHCHR führten die Angriffe auf Heizungsinfrastruktur dazu, dass Hunderttausende Zivilisten wochenlang ohne Wärme und Warmwasser blieben. Stromausfälle zwangen die ukrainischen Behörden zu landesweiten Abschaltplänen. In manchen Phasen hatten Haushalte nur noch wenige Stunden täglich Strom. Die Versorgung von Hochhäusern mit Wasser brach zusammen, Schulen schlossen, Krankenhäuser gerieten unter Druck. Besonders betroffen waren ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und Frauen.

Der kommende Winter dürfte noch schwieriger werden. Laut dem Think Tank Atlantic Council sind die ukrainischen Bestände an Patriot-Abfangraketen auf ein gefährlich niedriges Niveau gesunken. Das Land verfügt damit über keine verlässliche Abwehr gegen russische ballistische Raketen mehr. Moskau hat auf diesen Engpass reagiert und die Produktion ballistischer Raketen hochgefahren. Nun deutet sich jedoch an, dass die Ukraine ihre Luftabwehr durch die Eigenproduktion von Abfangraketen und Kooperationen mit westlichen Rüstungsfirmen stärken will, wie nach Gesprächen der ukrainischen Führung mit US-Vertretern bekannt wurde.

Erschwerend kommt hinzu, dass Russland seit August 2026 neuartige strahlgetriebene Drohnen in großen Mengen einsetzt. Diese Jet-Drohnen seien deutlich schneller als ihre propellergetriebenen Vorgänger und damit erheblich schwerer abzufangen. Die ukrainische Rüstungsindustrie arbeitet unter Hochdruck daran, eine neue Generation von Abfangdrohnen zu entwickeln und rechtzeitig in ausreichender Stückzahl zu produzieren.
Russlands Verteidigungsministerium ließ unterdessen auf seinem Telegram-Kanal ein Foto von Angriffsdrohnen veröffentlichen, begleitet von der Drohung, die Ukraine im Winter zu „einfrieren“, wie die ukrainische Zeitung Ukrainska Pravda berichtete.

Ukraines Antwort: Widerstand, Resilienz – und eigene Angriffe

Die Ukraine bereitet sich vor. Energieminister Denys Shmyhal teilte laut dem Institute for the Study of War (ISW) mit, das Land plane den Aufbau von mehr als zehn Gigawatt neuer Stromkapazität und treibe die Integration seines Energienetzes in das europäische voran. Ziel sei ein dezentralisiertes, flexibles System, das gezielten Massenangriffen besser standhalten kann. Polens Ministerpräsident Donald Tusk warnte jedoch, Russland plane auch Angriffe auf Grenzübergänge zwischen der Ukraine, Polen und Moldau, um genau diese Hilfslieferungen zu unterbinden.

Ukraine-Krieg - Kiew

Aufwärmpunkte sind für viele Einwohner Kiews der einzige Zufluchtsort. (Archivbild) © Danyil Bashakov/AP/dpa

Derweil bereiten sich viele Ukrainer privat vor: Sie horten Lebensmittel, reparieren Generatoren und laden Powerbanks auf. Manche planen, ihre Familien aus den Großstädten zu evakuieren oder vorübergehend ins Ausland zu bringen. Der Krieg hinterlässt tiefe gesellschaftliche Spuren, auch jenseits der Front. Die Ukraine zählt inzwischen mehr als eine Million Veteranen, viele mit körperlichen und psychischen Verletzungen. Veteranenminister Vitalii Kim erklärte, sein Land müsse „den Motor bauen, während es das Auto fährt“.

Gleichzeitig kämpft die Ukraine einen Luftkrieg, dessen Ausgang auch davon abhängt, ob der Westen die Lücken in der Luftabwehr schließt. Wie widerstandsfähig die ukrainische Bevölkerung nach vier Kriegswintern noch ist, wird dieser Winter zeigen. Klar ist: Russland setzt genau darauf, dass diese Grenze irgendwann erreicht ist.

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