IEA: 1,5 Grad nur mit Netto-Null 2050

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Der Elefant steht im Raum, und er ist grün. Auf der Weltklimakonferenz im brasilianischen Belém wird abseits der offiziellen Tagesordnung eine Frage besonders intensiv diskutiert: Sind die von den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen gesteckten grünen Klimaziele überhaupt noch erreichbar? „Jein“ sagt dazu die Internationale Energieagentur IEA in ihrem neuen „Ausblick auf die Energie in der Welt“ (World Energy Outlook), der soeben parallel zur Klimakonferenz veröffentlicht wurde. Die Pariser Organisation schürt zumindest etwas Hoffnung: Wenn sich die Staaten jetzt am Riemen rissen und wirklich alles Machbare zum Klimaschutz aufböten, dann, und nur dann wäre das 1,5-Grad-Ziel gerade noch erreichbar. Das Ziel besagt, dass die Durchschnittstemperatur der Erdatmosphäre am Ende des Jahrhunderts um maximal 1,5 Grad über jener in der vorindustriellen Epoche liegen darf.

Das „optimistische Szenario“ der Energieorganisation – auf Englisch Net-Zero-Emissions (NZE) genannt – setzt allerdings voraus, dass sich die ganze Welt dem EU-Ziel anschließt und im Jahr 2050 in der Nettobetrachtung keine zusätzlichen CO2-Emissionen mehr ausstößt. Selbst in diesem zuversichtlichen Fall steigt die Erderwärmung den IEA-Berechnungen zufolge bis 2040 auf rund 1,6 Grad. Dann aber fällt sie bis zum Jahr 2100 wieder auf weniger als 1,5 Grad zurück. Auf dem rechten Weg dazu ist der Planet freilich nicht, denn im Vergleich zum vorherigen Bericht hätten sich die Ambitionen abgeschwächt, monieren die Fachleute. In der Energieeffizienz, in der Elektrifizierung und im Einsatz von Wasserstoff blieben die Verursacher hinter den technischen Möglichkeiten zurück. Das gelte auch für die Abscheidung, Speicherung und Nutzung von Kohlendioxid, CCS und CCU genannt.

Die durchwachsenen Neuigkeiten der Energieexperten platzen mitten hinein in die Debatte um die Erreichbarkeit der Klimaziele und um die Frage, ob es nicht sinnvoll sein könnte umzusteuern: weg von der Fokussierung auf die Treibhausgasminderung hin zu mehr Engagement in der Klimaanpassung. Bisher richteten sich die Augen und richtete sich auch die öffentliche und private Finanzierung vor allem auf das Eindämmen der Emissionen und auf die Erderwärmung. Vor genau zehn Jahren, auf der legendären Klimakonferenz in Paris, hatten sich die fast 200 in der UN-Rahmenvereinbarung UNFCCC zusammengeschlossenen Regierungen verpflichtet, den Temperaturanstieg auf „deutlich weniger als zwei Grad“ zu begrenzen; bestenfalls auf 1,5 Grad. Seitdem wurden die Ziele bekräftigt, inzwischen gelten nur noch die 1,5 Grad als vertretbare Obergrenze. Doch statt erst im Jahr 2100 wurde dieses Limit schon 2024 gerissen, 76 Jahre zu früh. Nach der UN-Terminologie bedeutet das einmalige Überschreiten zwar nicht, dass das Ziel schon verfehlt wäre, dafür ist ein mehrjähriger Durchschnitt nötig. Aber viele Politiker und Wissenschaftler halten es für unmöglich, das Scheitern noch abzuwenden.

Guterres: „Verheerende Folgen sind nun unvermeidlich“

Der prominenteste Zweifler ist ausgerechnet der Chef der Vereinten Nationen, UN-Generalsekretär António Guterres. Wenige Tage vor dem Klimagipfel der Staats- und Regierungschefs in Belém gestand er das Versagen der Staatengemeinschaft ein. „Die Menschheit hat es versäumt, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, und muss jetzt sofort den Kurs ändern“, sagte Guterres in einem Interview. „Verheerende Folgen sind nun unvermeidlich.“ Zwar äußerte er an gleicher Stelle: „Emissionsminderungen bleiben entscheidend“, und stellte klar, er wolle in Sachen Treibhausgasverringerung keinesfalls die Flinte ins Korn werfen. Aber vielfach wurden seine Hinweise auf das „Überschießen“ (Overshooting) jenseits der 1,5 Grad und auf die inzwischen „unvermeidlichen“ Klimakatastrophen so verstanden, dass sich die Weltgemeinschaft stärker um die Eindämmung der Folgen des Klimawandels kümmern müsse, die sogenannte Adaptation.

Ganz ähnlich hatte sich zuvor der Milliardär Bill Gates geäußert, seit Jahren einer der größten privaten Financiers des Klimaschutzes. „Ein Weltuntergangsdenken hat dazu geführt, dass sich die Klimabewegung zu sehr auf kurzfristige Ziele zur Reduzierung von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen konzentriert“ so der Microsoft-Gründer. „Das aber zieht Ressourcen von den effektivsten Maßnahmen ab, mit denen das Leben in einer wärmeren Welt verbessert werden könnte.“ Das Hauptziel sollte doch sein, Leid zu verhindern, so Gates, „insbesondere für diejenigen, die unter den härtesten Bedingungen in den ärmsten Ländern leben“.

Die deutsche Klimadiplomatie sieht nicht ganz so schwarz wie Guterres und Gates. Der Berliner Verhandlungsführer in Brasilien, Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth (SPD), sagte in Belém, er sei mit Guterres Äußerungen „nicht einverstanden“ gewesen, „der praktisch die 1,5 Grad für erledigt gehalten hat“. Zum einen aber habe der UN-Generalsekretär die Aussage anschließend dahingehend relativiert, dass das Ziel doch noch erreichbar sei. Zum anderen sei es natürlich richtig, bei allen Minderungsanstrengungen mehr Gewicht auf die Klimaanpassung zu legen. Tatsächlich hätten die Klimakonferenzen zu diesem Thema all die Jahre zu wenig geliefert. „Viele Länder dieser Welt sind mit den immer stärker werdenden Auswirkungen des Klimawandels konfrontiert“, stellte der Staatssekretär auf der COP30 genannten Veranstaltung am Amazonasdelta klar. „Ihnen nützt es nichts, wenn wir immer wieder apodiktisch sagen: Wir müssen vor allem auf Treibhausgasminderung setzen.“ Die CO2-Reduktion bleibe zwar wichtig. „Aber diese Länder fühlen sich allein gelassen, wenn sie nicht auch Unterstützung bekommen bei Klimaanpassung.“

Risiko von Lieferunterbrechungen so hoch wie nie

Der jetzt vorgestellte Welt-Energie-Ausblick der Internationalen Energieagentur untersucht viele kontroverse Einzelthemen. Er stellt nicht nur fest, dass die Treibhausgasemissionen auf ein Rekordhoch gestiegen sind und deshalb das 1,5-Grad unweigerlich überschritten wird, zumindest vorübergehend. Die Autoren machen auch klar, dass die zur COP30 in Belém verschärften Nationalen Klimaschutzbeiträge (NDC) der einzelnen Nationen und Staatengruppen nicht ausreichen werden, um eine Kehrtwende einzuleiten. Der Bericht sieht die Energie- und Rohstoffversorgung nicht nur im Zusammenhang mit dem Klimaschutz, sondern auch mit geopolitischen Unsicherheiten. Es gehe nicht länger nur um Zugang zu Brennstoffen und Elektrizität, sondern auch um kritische Mineralien für Batterien, für die Künstliche Intelligenz oder die Verteidigung. Das Risiko von Lieferunterbrechungen sei so hoch wie nie. China dominiere 19 von 20 Schlüsselrohstoffen, eine Mehrzahl davon unterliege Exportkontrollen.

Die IEA sieht die Welt in einem neuen „Zeitalter der Elektrizität“, wie sie schreibt. Mehr als die Hälfte der globalen Energieinvestitionen flössen inzwischen in Strom und Elektrifizierung. Die Stromnachfrage werde bis zum Jahr 2035 um 40 bis 50 Prozent zunehmen, getrieben von der E-Mobilität, von Datenzentren und auch von Klimaanlagen. Die beiden letztgenannten Verbraucher seien geradezu Stromfresser: Mit steigenden Temperaturen und Einkommen wachse die Nachfrage nach Klimaanlagen in Schwellenländern, zugleich seien Datenzentren und Künstliche Intelligenz das „neue Öl“ für renditeorientierte Investoren. 2025 flössen rund 580 Milliarden Dollar in diese Zentren, erstmals mehr als in die Ölversorgung mit 540 Milliarden Dollar. Die Kehrseite der Elektrifizierung und der teilweise enormen Spitzenlasten seien Engpässe in Netzen und Speichern. Der Ausbau der Leitungen hinke hinterher, das Risiko von Stromausfällen steige.

Das Rückgrat der Energiewende bilden dem Report zufolge Sonnen-, Wind- und Wasserkraft sowie Bioenergie. Die Erneuerbaren wüchsen schneller als jede andere Quelle. Auch in diesem Feld dominiere wiederum China die Produktion und den Export. Die IEA warnt vor Überkapazitäten und Handelskonflikten, weil mehr Solarmodule und Batteriezellen hergestellt als abgesetzt würden. CO2-frei ist auch die Kernkraft, für welche die Fachleute ein „Comeback“ feststellen. Mehr als 40 Länder setzten auf neue Atomkraftwerke. Erstmals seit Jahrzehnten wachse die Nuklearkapazität in der Welt wieder sehr deutlich. Besonders beliebt seien kleine modulare Reaktoren, auf Englisch SMR abgekürzt. Was fossile Kraft-, Brenn- und Rohstoffe angeht, hält die Energieorganisation den Ölmarkt für kurzfristig ausreichend versorgt. Mittelfristig könnten jedoch neue Angebote nötig werden, wenn der Preis nicht steigen soll. Für Erdgas zeichne sich indes ein Überangebot ab, da die Kapazitäten für Flüssiggas (LNG) überproportional stark wüchsen. Die Gasnachfrage aus Europa und China sei unsicher, seit sie stark in Erneuerbare und in mehr Effizienz investierten, darunter in die Elektromobilität. Ob und inwieweit Kohle künftig noch eine Rolle spiele, hänge von Asien ab. China, Indien und Südostasien dominierten die Nachfrage.

Noch etwas anderes hält der Bericht fest: 730 Millionen Menschen auf der Erde haben weiterhin keinen Zugang zu Strom. Das sind mehr als doppelt so viele, wie in den Vereinigten Staaten leben, dem Land mit der größten Bevölkerung hinter Indien und China. Auch kochen zwei Milliarden Personen nach wie vor mit gesundheitsschädlichen Methoden auf Feuerstellen, etwa mit Dung, Holz, Kohle oder Ernteabfällen.

Die drei wichtigsten von der IEA berechneten möglichen Entwicklungspfade sind das erwähnte Netto-Null-Szenario bis 2050 (NZE) sowie das CPS- und das STEPS-Szenario. CPS berücksichtigt die gegenwärtige Politik (Current Policies) und beschreibt, was passieren wird, wenn nur die schon beschlossenen und verwirklichten Beschlüsse bestehen bleiben, wenn also keine weiteren Klimaschutzanstrengungen hinzukommen. STEPS, das „Stated Policies Scenario“, schließt hingegen auch die angekündigten zusätzlichen Programme mit ein, meistenteils sind das Verschärfungen wie in den neuen Nationalen Klimaschutzbeiträgen. Die Unterschiede sind immens. Nur im optimistischen NZE-Szenario hat die Welt den Höhepunkt im Verbrauch fossiler Energieträger schon überschritten und wird jetzt Rückgänge sehen. Im STEPS-Szenario wird zumindest der „Peak“ bei der Kohle noch vor 2030 erreicht, innerhalb der kommendem vier, fünf Jahre. Beim Öl gibt es um die gleiche Zeit herum eine Plateaubildung, dann eine Senkung. Der Erdgasverbrauch wird hingegen bis in die Dreißigerjahre hinein weiter wachsen.

Hitzewellen und Stürme stellten die größten Gefahren für Menschenleben dar

Noch schlechter sieht es ohne zusätzliche Minderungsanstrengungen aus. Gemäß den CPS-Annahmen geht der Kohleverbrauch in diesem Szenario erst nach 2030 zurück. Der Öl- und der Gasverbrauch nähmen sogar bis 2050 weiter zu, so die Studienautoren. Bei allen Unklarheiten auf der Weltklimakonferenz erscheint nach der Vorlage des neuen Papiers aus Paris zumindest eines eindeutig: Bei der Minderung des Treibhausgasausstoßes nachzulassen, ist keine Option, um das Klima zu schützen – und den Planeten. Das unterstreicht auch der neue Index zu den weltweiten „Klimarisiken“, den die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch am Dienstagabend in Belém veröffentlicht wurde. Das Papier hat zwischen 1995 und 2024 mehr als 9700 Wetterextreme analysiert, die 830.000 Todesopfer gefordert haben. Die direkte Schadenssumme wird inflationsbereinigt mit 4,5 Billionen Dollar (4500 Milliarden Dollar) angegeben. Hitzewellen und Stürme stellten die größten Gefahren für Menschenleben dar, sagte die Studienautorin Laura Schäfer. Die Starkwinde verursachten zugleich die größten Sachschäden, Überflutungen beträfen die meisten Menschen direkt, vor allem über den Verlust von Eigentum.

Auffällig ist, dass in den elf Staaten, die in den vergangenen 30 Jahren am meisten verheert wurden, 40 Prozent der Weltbevölkerung leben. Dazu zählen auch Indien und China auf den Rängen neun und elf, wo jeweils mehr als 1,3 Milliarden Einwohner leben. In der Spitzengruppe befindet sich zwar kein einziges klassisches Industrieland, aber schon auf Platz zwölf ist Frankreich gelandet. Italien und die Vereinigten Staaten stehen an den Positionen 16 und 18, die Bundesrepublik Deutschland nimmt Rang 29 ein. An der traurigen Spitze des Indexes hält sich der kleine karibische Inselstaat Dominica, der vor allem unter Wirbelstürmen leidet. Laut Germanwatch hat der Hurrikan Maria im Jahr 2017 Schäden von 1,8 Milliarden Dollar verursacht, das Dreifache des gesamten Bruttoinlandsprodukts der kleinen Volkswirtschaft. Hinter Dominica folgt Myanmar, früher Birma genannt, wo der Zyklon Nargis 2008 fast 140.000 Menschen tötete.

Der relativ hohe Wert für Deutschland, der fünfthöchste in der EU, erklärt sich unter anderem durch viele Hitzetote. In den Sommern 2003, 2022 und 2023 seien auf diese Weise 24.000 Personen ums Leben gekommen, meldet Germanwatch. Hinzu komme die Flutkatastrophe 2021 im Westen des Landes. Insgesamt beziffert die Studie die Zahl der Wettertoten in der Bundesrepublik zwischen 1995 und 2024 auf 24.400 Personen. Die Schäden werden preisbereinigt auf 130 Milliarden Dollar oder 112 Milliarden Euro beziffert. Hinter Dominica und Myanmar sind die am stärksten von Wetterextremen betroffenen Länder der vergangenen 30 Jahren Honduras, Libyen, Haiti, Grenada, die Philippinen, Nicaragua, China, Indien und die Bahamas. Schaut man nur auf 2024 liegt der Karibikstaat St. Vincent und die Grenadinen vor Grenada, dem Tschad, Papua-Neuguinea, Niger, Nepal, den Philippinen, Malawi, Myanmar und Vietnam.

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