Harte Chefs treiben Mitarbeiter in die Flucht

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14. Januar 2026 Marcus Schwarzbach

Daumen drückt auf Angestellten

In Krisenzeiten setzen viele Firmen auf harte Führung – doch eine neue Studie zeigt: Das könnte nach hinten losgehen.

Das letzte Jahr war geprägt von einer Diskussion um den richtigen Führungsstil in Unternehmen.

Gerade in Krisenzeiten leidet die Zusammenarbeit mit der direkten Führungskraft besonders. Das zeigt die IW-Beschäftigtenbefragung 2025: Rund 16 Prozent der Beschäftigten in betroffenen Unternehmen bewerten die Kooperation mit ihrem Vorgesetzten als mangelhaft oder ungenügend. In wirtschaftlich stabilen Betrieben liegt dieser Anteil mit 7,5 Prozent bei weniger als der Hälfte.

Als möglichen Grund nennen die Studienautoren veränderte Schwerpunkte der Führungskräfte: "In schwierigen Phasen richten Manager ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf Kostenkontrolle und Kennzahlen-Monitoring, während Personalentwicklung und mitarbeiterorientierte Führung in den Hintergrund treten", so Andrea Amerland, Redakteurin bei Springer Professional.

Manche Unternehmen sehen autoritäre Führung als Königsweg. Auch Kanzler Merz sagte, die Belegschaften "müssen wieder mehr arbeiten".

Diese Argumentation verkennt die Ursachen der Krise. Fehlende Innovationen sind ein großes Manko – wie sich bei der Automobilbranche mustergültig zeigt. Die Transformation der Kfz-Industrie haben deutsche Konzerne verschlafen. In der Batterieentwicklung etwa liegen chinesische Unternehmen mittlerweile vorn – das ist für die Konzerne ein enormes Problem, da gerade Batterien gewinnträchtig sind. Sechs der zehn größten Hersteller von Batteriezellen kommen aus China.

Mit harter Führung und strikten Vorgaben anhand von Arbeitsanweisungen lassen sich aber keine Neuerungen entwickeln. Dieser Stil schadet nicht nur der Motivation der Arbeiter, sondern treibt sie auch aus den Firmen, wie eine aktuelle Studie im Auftrag des Personaldienstleisters HR Works zeigt. Dafür befragte der Marktforscher Bilendi über 2.000 Beschäftigte im Alter von 18 bis 65 Jahren.

37 Prozent der Beschäftigten mit einem autoritären Vorgesetzten denken darüber nach, den Betrieb lieber verlassen zu wollen.

"In Krisenzeiten auf autoritäre Führung zu setzen, ist ein Irrtum. Das zeigen auch unsere Studienergebnisse: Nur wer Teams Vertrauen schenkt und sie an Entscheidungen beteiligt, schafft die Basis für Effizienz, Innovation und wirtschaftlichen Erfolg", sagt Ivana Baumann, Director HR & Recruiting bei HR Works.

Kooperativer Führungsstil ist aus Sicht der Befragten wirksamer. Für 43 Prozent der Beschäftigten sind autoritäre Chefs ein möglicher Kündigungsgrund.

"Autoritäre Führung wirkt als Fluktuationstreiber und damit nicht zuletzt auch als Krisenbeschleuniger. Denn sie kostet Unternehmen ausgerechnet in unsicheren Zeiten ihre tragenden Kräfte."

Ivana Baumann

Digitalisierung verändert Führungsaufgaben

Die zunehmende Digitalisierung hat Auswirkungen auf die Aufgaben von Führungskräften. "Mit dem Einzug von Künstlicher Intelligenz (KI) in Unternehmen verändert sich auch die Führungsarbeit.

KI-gestützte Analysen beeinflussen Entscheidungen, liefern Echtzeitdaten und entlasten Führungskräfte in operativen Aufgaben. Dadurch verschiebt sich der Fokus auf menschliche Fähigkeiten: Empathie, Kommunikation und Sinnstiftung", schreibt Martina Eckermann, Content- und SEO-Expertin beim Seminaranbieter Management Circle.

Führung müsse situativ, empathisch und dateninformiert sein.

"Autoritäre Führungsstile haben in dieser neuen Realität kaum noch Platz. KI kann zwar Entscheidungen optimieren, aber keine Führung im menschlichen Sinne übernehmen – diese bleibt eine Frage von Haltung und Kultur."

Martina Eckermann

Das Job-Portal Xing gibt Beschäftigten Tipps im Umgang mit schwierigen Vorgesetzten. "Um mit einem 'Chef aus der Hölle' umzugehen, ist es wichtig, professionell zu bleiben", lautet die Empfehlung. "Versuch erst einmal, die Ruhe zu bewahren und Dich nicht provozieren zu lassen", ist ein weiterer Hinweis. Dies ändert jedoch nichts am grundsätzlichen Problem.

"Sie haben immer die Wahl: 'Love it, change it, leave it'. Und wenn es gar nicht anders geht – tja, dann müssen Sie die Konsequenz ziehen und sich einen anderen Job besorgen", erläutert deshalb Unternehmer-Coach Bernd Geropp.

Umgang mit Stress im Unternehmen

In Zeiten des raschen Arbeitswandels sind Unternehmen besonders gefordert. Dies ist allein ist nicht durch einen anderen Führungsstil veränderbar. Denn ein Arbeiten, das nicht auf Befehl und Gehorsam basiert, sondern zur Vergrößerung des Handlungsspielraums führt, wirkt auf jeden einzelnen Beschäftigten.

Selbstverantwortung setzt die Betroffenen unter Druck. Die Folge ist meist Entgrenzung, bei der ein längeres Arbeiten und ständige Erreichbarkeit bis in die Freizeit hinein verlangt wird. Psychische Belastungen am Arbeitsplatz führen häufig zu Depressionen, Burn-out und anderen psychischen Erkrankungen, aber auch körperliche Beschwerden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlafstörungen können die Folge sein.

Das Arbeitsschutzgesetz schreibt ein Prozedere vor – aber selbst diese wird von Unternehmen oft genug nicht umgesetzt. Wie weit die Probleme reichen, zeigt eine Umfrage im Rahmen der Gemeinsamen Arbeitsschutzstrategie (GDA) von Bund, Ländern und gesetzlicher Unfallversicherung (DGUV), auf.

Rund ein Drittel der Betriebe führen nach wie vor keine Gefährdungsbeurteilung durch, obwohl sie gesetzlich verpflichtet wären.

Zudem berichten viele Beschäftigte, dass Arbeitsschutzthemen in ihren Betrieben nur selten kommuniziert werden. Laut Umfrage werden in zahlreichen Fällen Verstöße gegen Schutzvorschriften nicht konsequent verfolgt.

Dabei wäre gerade bei diesem wichtigen Bestandteil des Arbeitsschutzgesetzes eine regelmäßige Kontrolle wichtig. Denn die Gefährdungsbeurteilung soll Gefahren aus Sicht der Beschäftigten ermitteln. Das kann die Unfallverhütung sein, aber auch Stress am Arbeitsplatz.

Dabei muss der Betrieb analysieren, welche Gefahren für die Gesundheit der Beschäftigten bestehen. Und dann festlegen, welche Maßnahmen zum Gesundheitsschutz erforderlich sind, also was gegen die Gefährdungen unternommen wird. Arbeitsverdichtung, Zeitdruck und Stress prägen vielerorts den Arbeitsalltag. Um die Ursachen für die Überlastung zu finden, ist es wichtig, die Beschäftigten in die Gefährdungsbeurteilung einzubeziehen.

Dies alles liegt in der Verantwortung der Geschäftsleitung – das Problem sind also nicht nur autoritäre Vorgesetzte.

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