03. März 2026 Thomas Pany
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Die Click-Through-Rate halbiert sich, Millionen Klicks verschwinden. Ein Gutachten warnt vor Folgen für Meinungsvielfalt und Refinanzierung.
Seit Mai 2025 zeigt Google auch in Deutschland seine Übersicht mit KI an. Diese KI-generierten Antworten erscheinen direkt auf der Suchergebnisseite und beantworten Suchanfragen, ohne dass Nutzerinnen und Nutzer auf externe Websites klicken müssen.
Eine von Meedia veröffentlichte Analyse des SEO-Datenanbieters Sistrix, der Googles Suchergebnisse systematisch auswertet, zeigt nun das Ausmaß der Folgen: Deutsche Websites verlieren demnach monatlich etwa 265 Millionen Klicks.
Sistrix untersuchte 100 Millionen Keywords und stellte fest, dass bei etwa zwanzig Prozent der Suchanfragen bereits KI-Übersichten angezeigt werden. Die sogenannte Click-Through-Rate, also der Anteil derjenigen, die von der Suchergebnisseite auf eine Website klicken, sinkt durch die KI-Übersichten von 27 Prozent auf nur noch elf Prozent.
Über alle untersuchten Keywords bedeutet das einen Traffic-Verlust von durchschnittlich 6,6 Prozent.
Gesundheits- und Familienthemen am stärksten betroffen
Die Auswirkungen variieren stark nach Themengebiet, wie Sistrix-Chef Johannes Beus in seiner Analyse aufblättert. Websites zu Familie und Baby, Gesundheit sowie Haus und Garten verzeichnen Traffic-Verluste von mehr als 20 Prozent.
Nachrichtenportale verlieren dagegen vergleichsweise moderate 7,4 Prozent. Am wenigsten leiden Rezeptseiten mit nur 1,1 Prozent Minus. Johannes Beus hat dafür eine erhellende, naheliegende Erklärung, die sogleich auf die Schwächen von eingekochten KI-Info-Häppchen hinweist:
"Rezepte sind strukturierte Inhalte, die Nutzer Schritt für Schritt nachkochen wollen. Eine KI-Zusammenfassung ersetzt das nicht."
Wenig überraschend: Die absolut meisten Klicks verliert die Online-Enzyklopädie Wikipedia mit 31,6 Millionen pro Monat. Für Hintergrundtexte, zumal wenn sie ein kritisches Lesen erfordern, bleibt im optimierten Tagesablauf nur wenig Zeit übrig.
Hinter Wikipedia folgen DocCheck, die Websites der AOK und des ADAC sowie die Wörterbücher von Pons. Die einzige Medien-Website unter den größten zehn Verlierern ist die des NDR.
Zwischenüberschrift: Medienverbände reichen Beschwerde ein
Mehrere deutsche Medienverbände, darunter der BDZV, Vaunet und der Deutsche Journalisten-Verband, haben bei der Bundesnetzagentur schon vor Monaten förmliche Beschwerde gegen Google eingereicht. Sie sehen in den AI Overviews einen Verstoß gegen den Digital Services Act (DSA).
Die Beschwerdeführer argumentieren, Google schaffe mit den KI-Antworten ein Konkurrenzprodukt zu journalistischen Inhalten. Medienhäusern würden Reichweiten und Werbeeinnahmen entzogen. Daniela Beaujean, Geschäftsführerin des Vaunet, erklärt:
"Google platziert seine KI-Antworten vor den Inhalten Dritter und wird damit zum 'Traffic-Killer'.“
Die Funktionsweise der KI-Übersichten sei zudem intransparent, und die KI verbreite immer wieder fehlerhafte oder erfundene Inhalte.
Gutachten warnt vor Folgen für Meinungsvielfalt
Ein Gutachten von Dirk Lewandowski (PDF), Professor für an der HAW Hamburg, Fakultät Informatik und Digitale Gesellschaft, vom Herbst letzten Jahres beschreibt die grundlegende Veränderung: Suchmaschinen wandeln sich von Vermittlern von Links zu Erstellern eigener Informationsobjekte. KI-Antworten werden aus mehreren Quellen generiert und als eigenständige Texte präsentiert.
Das Gutachten stellt fest, dass Suchmaschinen-Traffic für Inhalteanbieter essentiell ist. Deutsche Nachrichtenportale beziehen zwischen 17,1 Prozent (kicker.de) und 59,2 Prozent (fr.de) ihres Traffics über die organische Suche – also über unbezahlte Treffer in Suchmaschinen.
Verschiedene Studien zeigen Traffic-Verluste zwischen 18 und über 50 Prozent. Das Gutachten warnt: Wenn Inhalteanbieter ihre Inhalte nicht mehr refinanzieren können, drohen negative Auswirkungen auf die Informations- und Meinungsvielfalt im Netz.
Google betont neue Chancen
Google argumentiert laut dem Gutachten und TechCrunch, dass KI-Erfahrungen neue Möglichkeiten für die Entdeckung von Inhalten schaffen. Das Unternehmen erklärt, Nutzende würden häufiger suchen und eine größere Vielfalt von Websites besuchen.
Links in KI-Antworten erhielten mehr Klicks als derselbe Link in einer konventionellen Suchergebnisseite.
Das Lewandowski-Gutachten merkt jedoch an, dass Googles Behauptung methodisch unpräzise ist, da der Vergleichsmaßstab fehlt.
Ein präziser Vergleich müsste die in den KI-Antworten enthaltenen Links mit den Top-Positionen in der konventionellen Darstellung vergleichen. Die Verteilung der Klicks fällt sehr stark zugunsten der obersten Positionen aus, was die Verwendung von Mittelwerten nicht erlaubt.
Unterschiedliche Darstellung bei verschiedenen Anbietern
Neben Google bieten auch Bing, Perplexity und ChatGPT KI-Antworten an. Das Gutachten zeigt deutliche Unterschiede: Google und Bing integrieren KI-Antworten in ihre regulären Suchergebnisseiten. Perplexity zeigt ausschließlich KI-Antworten. ChatGPT nennt je nach Abfrage Quellen – teilweise auch nicht.
Die prominente Platzierung der KI-Antworten am Anfang der Suchergebnisseite drängt traditionelle Suchergebnisse nach unten. Bei Google werden KI-Antworten in einem blau unterlegten Kasten mit Quellenangaben in der rechten Spalte angezeigt.
Bei Bing erscheinen sie in farbig hinterlegten Kästen innerhalb der Trefferliste. Das Gutachten betont, dass die große Fläche im sichtbaren Bereich und die visuelle Gestaltung dazu führen werden, dass Nutzende die KI-Antworten stark wahrnehmen.



