In seinem neuen Buch „Stand der Zivilisation“ sucht der Soziologe Wolfgang Engler nach Gründen für die neue Reizbarkeit, dafür, dass Menschen immer häufiger ausrasten, Sicherheitsleute attackiert werden, Arztpraxen gestürmt, extreme Parteien gewählt werden. Unter der Überschrift „Warum sind wir so roh geworden?“ stellt Engler im „Freitag“ fest: Die Bereitschaft bröckele, „sich zurückzunehmen, seine spontanen Ausdrucksimpulse zu zügeln, um auf zivilisierte Art und Weise, friedfertig, kooperativ, miteinander umzugehen“.
Es ist diese blank liegende Ausraster-Bereitschaft, die dem Soziologen zu denken gibt, ihn philosophische und psychologische Anleihen machen lässt und auf diese Weise seinen Blick für verzweigte Hintergründe schärft, die ihm sonst entgangen wären. Englers Herangehensweise stellt auch die schwindende Toleranz gegenüber anderen Meinungen, die zunehmende Aggressivität des Rechthabenwollens, das mangelnde Aushalten von Dissens in Zusammenhänge, die das ausgelaugte Format vom enger werdenden Korridor des Sagbaren (oder so) sprengen.
Geht’s um die Küche, den Arbeitsplatz oder die Talkshow?
Schon das demoskopisch erhobene Gefühl, dass man „vorsichtiger“ sein müsse „als früher“, erhält unter der Überschrift „Bedrohte Meinungsfreiheit“ den Rang eines empirischen Befunds für unterdrücktes Sagenwollen. Eine weitere methodische Unwucht liegt in der Entdifferenzierung von Öffentlichkeit: Es wird bei der Befundnahme nicht unterschieden, auf welcher Bühne welche Einschränkung des Sagbaren gilt, ob es um die Küche, den Arbeitsplatz oder die Talkshow geht, und zumal wird unterschlagen, dass Takt, Verantwortungsgefühl und Einfühlung nahelegen, dass bestimmte Dinge zu sagen sich von selbst verbieten, auch wenn es gesetzlich frei stünde, sie zu sagen.
Im Szenario der bedrohten Meinungsfreiheit wird das alles zusammengerührt, so dass die Freiheit des Wortes erst dann gewährleistet erscheinen mag, wenn jeder „spontane Meinungen herauslassen“ kann, wie Richard David Precht bei „Maischberger“ geltend machte, der immerhin zwischen (gesicherter) Meinungsfreiheit und (sinkender) Meinungstoleranz eine Unterscheidung traf. Um dann aber wie eine Gegenprobe aufs Exempel meinungsstark den Berufsstand des Politikers herunterzureden, von dem er nur abraten wollte, wo das Motto gelte: „zackig wie ein Bergkristall“ starten und „rundgewaschen wie ein Kiesel“ enden.
Womit auf maximal öffentlicher Bühne rausgelassen war, was sich an pauschaler Herabwürdigung noch nicht mal in der Küche gehört. Precht, versteht man ihn richtig, klagt Meinungstoleranz für jedes strafrechtlich noch erlaubte Wort ein, wie stereotyp und rundgeschliffen auch immer es das Gehege der Zähne verlässt. Bitte aushalten! Solange Leute wie Engler den gereizten Unsinn dann im Ausraster-Paradigma auf seine Gründe untersuchen, springt immerhin Erkenntnis heraus.



