Gentest-Pflicht spaltet WM in Tokio

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 Eine umstrittene Regel

Gentest in der Leichtathletik: Eine umstrittene Regel

Foto: Thomas Lammeyer / imageBROKER / IMAGO

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Leichtathletinnen müssen oft etwas beweisen. Dem Verband, dass sie gut genug sind. Der Weltantidopingagentur, dass sie keine verbotenen Mittel nehmen. Sich selbst, dass sich die ganze Mühe auch lohnt. Um an der Weltmeisterschaft in Tokio, die seit Samstag stattfindet, teilzunehmen, ist ein weiterer Nachweis notwendig: der des eigenen Geschlechts.

Per Wangenabstrich oder Blutprobe müssen Athletinnen belegen, dass sie »biologisch weiblich« sind. Einmal bestanden, gilt der Gentest für die gesamte Karriere. Teilnahmevoraussetzung ist der Test bei Wettbewerben, die für die Weltrangliste relevant sind, etwa die WM oder Diamond League Meetings.

Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletikweltverbands World Athletics, bezeichnete das Vorgehen als »wichtigen Schritt«. Es gehe um die »Integrität des Frauensports«, darum, die Kategorie der Frauen zu schützen. Kritiker halten die neuen Regularien jedoch für problematisch. Und für einen Fehler, der schon einmal gemacht wurde.

Ende der Dreißigerjahre führte der Leichtathletikweltverband erstmals Geschlechtstests ein, nicht verpflichtend für alle, sondern nur, wenn Protest eingelegt wurde. Die Sorge damals: Männer könnten sich bei Wettkämpfen als Frauen ausgeben.

Im Buch »Gender Verification and the Making of the Female Body in Sport« sieht Soziologin Sonja Erikainen noch einen anderen Grund: Sportfunktionäre fürchteten sich vor der »Maskulinisierung des weiblichen Körpers«. Dass das »schwache Geschlecht« ziemlich athletisch sein konnte, sorgte für Irritationen. »Es sollten Regeln aufgestellt werden, damit Wettkämpfe normalen femininen Mädchen und nicht Ungeheuerlichkeiten vorbehalten bleiben«, schrieb der spätere IOC-Präsident Avery Brundage 1936.

Hohe Kosten, begrenzter Nutzen

Sportverbände versuchten es mit verschiedenen Methoden: Auf ärztliche Weiblichkeitszertifikate und sogenannte »Nacktparaden«, bei denen sich Sportlerinnen vor Medizinern des Verbands entblößen mussten, folgten Chromosomentests. Eine nur vermeintlich elegante Lösung.

Der Test wurde als unzuverlässig sowie ungeeignet kritisiert und schließlich vom Leichtathletikweltverband abgeschafft. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verabschiedete sich vor den Olympischen Spielen 2000 von flächendeckenden Tests.

 Wangenabstrich oder Blutproben

Leichtathletik-WM 2025 in Tokio: Wangenabstrich oder Blutproben

Foto: Zsolt Czegledi / EPA

»Mit der steigenden Zahl weiblicher Teilnehmerinnen waren die Kosten für die Durchführung des Tests, einschließlich Bestätigung und Beratung der getesteten Personen, erheblich, während der Nutzen begrenzt war«, schrieb 2005 der damalige Vorsitzende der IOC-Medizinkommission.

Sein Fazit in einem Artikel in der Fachzeitschrift »Lancet« : »Wir kommen zu dem Schluss, dass ein laborgestütztes genetisches Screening auf das weibliche Geschlecht im Sport der Vergangenheit angehört und eine Menge Peinlichkeiten – und Geld – erspart.«

20 Jahre später ist die Vergangenheit wieder die Gegenwart. Die SRY-Tests, die das IOC einst abschaffte und als Fehler einstufte, sind von World Athletics reaktiviert worden. Die Idee, diesen Gentest zu nutzen, ist damit ebenso wenig neu wie die Begründung, den Sport der Frauen schützen zu wollen.

Schutz benötigt er in den Augen von World Athletics vor trans Athletinnen und Sportlerinnen mit gewissen Formen von »Differences of Sex Development« (DSD). Dabei stimmen geschlechtsdeterminierende Merkmale nicht überein: etwa die äußeren Geschlechtsorgane mit dem chromosomalen Geschlecht.

Manche Formen von DSD führen dazu, dass der betroffenen Person bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wird, sie aber eine Art männliche Pubertät durchläuft und höhere Testosteronwerte besitzt als bei Frauen üblich.

»Die Wiedereinführung dieser Tests ist kein wissenschaftlicher Fortschritt, sondern ein institutioneller Rückschritt.«

Forscherinnen in einem Wissenschaftsblog

Testosteron gilt als wichtiger Faktor für die sportlichen Leistungsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Inwiefern das jedoch bedeutet, dass Athletinnen mit DSD einen unfairen Vorteil haben, ist weniger eindeutig. Die International Federation of Sports Medicine  etwa hält es nicht für zulässig, die Physiologie von DSD-Sportlerinnen mit Männern gleichzusetzen.

Kritiker werfen World Athletics vor, mit den neuen Regularien genau das zu tun – und damit der Komplexität des Problems nicht gerecht zu werden.

Beim SRY-Test, den World Athletics vorschreibt, wird auf ein Gen am Y-Chromosom getestet, das für die Entwicklung männlicher Geschlechtsmerkmale entscheidend ist. Frauen haben in der Regel zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. World Athletics bezeichnet den Test als »zuverlässigen Indikator zur Bestimmung des biologischen Geschlechts«. Andrew Sinclair, einer der Wissenschaftler, die Anfang der Neunzigerjahre das SRY-Gen entdeckten, nannte das vor Kurzem eine »übermäßig vereinfachte Behauptung« .

Auch die European Society of Human Genetics merkte in einer Stellungnahme  an: »Das Ergebnis eines solchen Tests kann nicht vollständig darüber entscheiden, ob eine Person in der Frauenkategorie antreten sollte.« Geschlecht, so der Kern der Kritik, ist von mehreren Faktoren abhängig und zu komplex, um es auf X oder Y herunterzubrechen.

 Testosteronlimit nach dem Titel

Caster Semenya bei der WM 2009: Testosteronlimit nach dem Titel

Foto: Fabrizio Bensch / REUTERS

Ähnliche Einwände gab es bereits bei den Testosteronlimits, die World Athletics einführte, nachdem Caster Semenya, eine Läuferin mit DSD, bei der WM 2009 Gold geholt hatte. »Jede Version der Geschlechtstests scheiterte letztlich unter wissenschaftlicher und ethischer Prüfung«, schrieben Forscherinnen und Forscher , die sich mit der Geschichte von Geschlechtstests befassen. »Die Wiedereinführung dieser Tests ist kein wissenschaftlicher Fortschritt, sondern ein institutioneller Rückschritt.«

World Athletics würde »eine der schädlichsten Regeln des Sports« wieder aufleben lassen.

Ein notwendiges Übel?

Manche Wissenschaftler halten den Ausschluss von DSD-Athletinnen allerdings für gerechtfertigt. »Für Integrität und Chancengleichheit im Sport von Frauen sind klare Grenzen für die weibliche Kategorie notwendig«, sagte Physiologe Tommy Lundberg im vergangenen Jahr dem SPIEGEL . »Das Geschlecht im Reisepass als einziges Kriterium ist nicht ausreichend.« Er halte Gentests daher für vernünftig, gab aber zu bedenken: »Y-Chromosomen allein dürfen nicht direkt zum Ausschluss führen.«

Den World-Athletics-Regeln zufolge wird Athletinnen, deren SRY-Test positiv ausfällt, die Teilnahme untersagt. Allerdings können sie sich »weiteren medizinischen Untersuchungen« unterziehen. Sollte dabei eine vollständige Androgenresistenz festgestellt werden, sind sie startberechtigt.

Bei einer solchen Resistenz kann Testosteron seine Wirkung bei der Geschlechtsentwicklung nicht entfalten. Der unfaire Vorteil, der DSD-Athletinnen unterstellt wird, wäre damit hinfällig.

World Athletic betont, mit den Regularien »in keiner Weise das legale Geschlecht oder die Geschlechtsidentität« einer Athletin infrage zu stellen. Trotzdem würde ein positiver SRY-Test das Leben einer Sportlerin wohl nachhaltig erschüttern.

Es sei wichtig, »im Falle eines unerwarteten Testergebnisses medizinische und psychosoziale Unterstützung« zu erhalten, schreibt die European Society of Human Genetics. Das sollte in Protokollen stärker berücksichtigt werden.

Zu den wissenschaftlichen Bedenken kommen organisatorische Schwierigkeiten. »Die Einführung mit so kurzfristigem Vorlauf stellt die Athletinnen, aber auch den Verband vor große Herausforderungen – moralisch, ethisch und logistisch. Im Austausch mit World Athletics haben wir dies mehrfach deutlich gemacht«, sagte Karsten Hollander, Arzt des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV).

 »Für ein sehr kleines Problem werden enorme Ressourcen aufgewendet«

Weitspringerin Mihambo: »Für ein sehr kleines Problem werden enorme Ressourcen aufgewendet«

Foto: Michael Kappeler / dpa

Der Test wird vom Weltverband mit 100 US-Dollar bezuschusst, die Analyse dauert rund zwei Wochen. 95 Prozent der WM-Teilnehmerinnen hätten ihn bereits absolviert, teilte World Athletics am vergangenen Dienstag mit. Wer zu diesem Zeitpunkt noch fehlte: die Athletinnen aus Norwegen und Frankreich.

In beiden Ländern sind Gentests für nicht medizinische Zwecke verboten. Manche Expertinnen  halten das Vorgehen von World Athletics allgemein für juristisch fragwürdig.

Und die Athletinnen selbst?

World-Athletics-Präsident Coe sprach von »überwältigender Unterstützung« für die Gentests. Viele Sportlerinnen hätten sich bei ihm bedankt. Öffentlich sprachen nur wenige WM-Teilnehmerinnen darüber, manche befürwortend, andere irritiert.

Besonders deutlich wurde die deutsche Weitspringerin Malaika Mihambo, die jetzt in Tokio Silber gewann. »Für ein sehr kleines Problem werden enorme Ressourcen aufgewendet, während die wirklich drängenden Themen – Doping, Missbrauch, Gewalt im Sport – weiter bestehen«, sagte sie. »Wenn wir von Integrität sprechen, dann müssen wir genau dort mindestens genauso entschlossen handeln.«

 Die »Integrität des Frauensports« wahren

World-Athletics-Präsident Coe: Die »Integrität des Frauensports« wahren

Foto: Denis Balibouse / REUTERS

Trotz der vielfältigen Kritik ist davon auszugehen, dass World Athletics Vorgehen für andere Sportorganisationen zum Vorbild wird. Mit dem Leichtathletikverband als Vorreiter wurden zuletzt die Teilnahmebedingungen für trans und DSD-Athletinnen im Weltsport immer strikter. Als dann Boxerin Imane Khelif bei den Olympischen Spielen 2024 im Zentrum einer großen Debatte stand, wurden Rufe nach Gentests laut.

Der Weltboxverband World Boxing führte ebenfalls SRY-Tests ein. Kürzlich gab das IOC bekannt, eine neue Arbeitsgruppe ins Leben gerufen zu haben. Titel: »Protection of the Female Category«.

Vor den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles werde es eine »sehr, sehr strenge Art von Tests geben«, hatte US-Präsident Donald Trump im August verkündet. Ob das auch vernünftig und notwendig ist, ist wohl eine andere Frage.

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