Garantex zerschlagen, Besciokov tot

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Entlang der Steilküste erstrecken sich kilometerlange weiße Sandstrände, an die sich grüne Palmen schmiegen, umspielt von den sanften Wellen des Arabischen Meers: Der indische Bundesstaat Kerala ist in weiten Teil ein wahr gewordenes Paradies. Dorthin zog es im März 2025 offenbar auch einen Mann, der auf der anderen Seite der Weltkugel, in den Vereinigten Staaten von Amerika, schon lange gesucht wurde: Aleksej Besciokov. Der 46-jährige Litauer ist auf Fotos des Secret Service zu sehen: kantiges Gesicht, kurze braune Haare, blaue Augen. Doch Besciokov drohte im März dieses Jahres die Vertreibung aus seinem selbstgewählten Paradies. Die indische Polizei war ihm auf den Fersen. Er plante offenbar seine Flucht, die Ermittler waren schneller und nahmen ihn fest.

Für das US-Justizministerium, in dessen Auftrag die indischen Behörden handelten, war die Festnehme von Besciokov ein großer Erfolg. Die Amerikaner werfen dem unscheinbaren Litauer vor, einer der Strippenzieher hinter der Kryptobörse Garantex zu sein. Die Plattform, über die Erlöse aus Terrorfinanzierung, Ransomware-Attacken oder Drogenhandel geschleust wurden, hatte die US-Bundespolizei FBI und der Secret Service zusammen mit Kollegen in Deutschland und Finnland erst wenige Tage vor der Verhaftung von Besciokov aus dem Verkehr gezogen.

Mit der Abschaltung von Garantex ist den Ermittler aber nicht nur ein Schlag gegen die Organisierte Kriminalität (OK) gelungen. Über die Plattform wurden offenbar auch in großem Stil Güter nach Russland geschafft, die seit Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine eigentlich unter Wirtschaftssanktionen fallen und gar nicht gehandelt werden dürften.

Laut der Investigationsplattform TRM war Garantex zu dem Zeitpunkt für mehr als 80 Prozent aller Kryptotransaktion zu oder von sanktionierten Firmen und Personen verantwortlich. Deutsche Sicherheitsbehörden sind sich zudem sicher, dass Russland die Börse auch als Werkzeug im hybriden Krieg gegen den Westen nutzte, etwa um sogenannte Wegwerfagenten zu bezahlen. Auch soll es deutschen Sicherheitsbehörden zufolge staatliche Verbindungen bis hin zum Energiekonzern Rosneft gegeben haben.

Insgesamt sollen über Garantex allein zwischen 2019 und 2025 rund 96 Milliarden US-Dollar gelaufen sein, davon mutmaßlich Hunderte Millionen Euro aus illegalen Quellen. Die Stilllegung dieses Finanzplatzes war ein Tiefschlag für das organisierte Verbrechen weltweit.

Wie aus Ermittlungspapieren hervorgeht, nutzten diverse Verbrecherorganisationen die Kryptobörse, um Geld zu waschen. Darunter die berüchtigte Hackertruppe Lazarus aus Nordkorea, die in der Vergangenheit Hunderte Millionen US-Dollar von Firmen erbeutete und auch Informationen zu Waffensystemen für Nordkoreas Herrscher beschafft haben soll. Betroffen war vor einigen Jahren auch das deutsche Unternehmen Rheinmetall, 2024 warnte der Verfassungsschutz eindringlich vor der Gefahr aus Nordkorea.

Auch Deals von Hydra, dem zeitweise größten Drogenumschlagplatz im Internet, liefen wohl über Garantex.

Hamas, Hisbollah, IS: Sie alle finanzieren sich über Kryptowährungen

Die Ermittlungen gegen Garantex zeigen konzentriert, was deutsche und internationale Sicherheitsbehörden schon länger in Sorge versetzt: Krypto ist zu der Währung der globalen Großkriminalität geworden. Das organisierte Verbrechen, etwa Waffen-, Drogen- und Menschenhändler, nutzt Kryptowährungen, um illegale Millionengewinne zu verschleiern, das Geld reinzuwaschen und es anschließend wieder in den klassischen Finanzkreislauf einzuspeisen. Zur Krypto-Klientel zählt die italienische Mafia ebenso wie südosteuropäische Clans oder Terrorgruppen im Nahen Osten und Afrika, die mithilfe digitaler Coins erst Spenden einsammeln und dann damit Waffen für ihre Anschläge beschaffen. Deutsche Sicherheitsbehörden sehen in Kryptowährungen längst das „Hauptmittel zur Terrorfinanzierung“, unter anderem der Hamas, des IS und der Hisbollah. Der Heilige Krieg, bezahlt mit digitalen Münzen.

Einer Studie des Blockchain-Analyseunternehmens Chainalysis aus dem Februar 2025 zufolge haben Kriminelle im Jahr 2024 mehr als 51,3 Milliarden US-Dollar aus illegalen Quellen auf ihren Wallets (Krypto-Brieftaschen) empfangen. Darunter waren Gewinne aus Cyberbetrug, Ransom-Attacken – bei denen die Kriminellen die Festplatten ihrer Opfer verschlüsseln und nur gegen Lösegeld wieder freigeben –, dem Geschäft mit Missbrauchsdarstellungen von Kindern, aber auch Zahlungen an extremistische Gruppen. Selbst Neonazis bitten ihre Unterstützer inzwischen aktiv um Spenden in Bitcoin.

Die Analysten sprechen aufgrund der gigantischen Zahlen von einer „Professionalisierung“ von illegalen Krypto-Transaktionen, die im OK-Bereich „immer komplexer“ und beliebter werden. „Eine Reihe illegaler Akteure, darunter transnationale organisierte kriminelle Gruppen, nutzen Kryptowährungen zunehmend für traditionelle Verbrechensarten wie Drogenhandel, Glücksspiel, Diebstahl geistigen Eigentums, Geldwäsche, Menschen- und Wildtierhandel sowie Gewaltverbrechen“, notieren die Experten aus den USA. Und wie in der realen Welt, so schreitet auch im kriminellen Kryptokosmos die Arbeitsteilung immer weiter voran. „Es gibt Logistiker, Verteiler und dann die Geldwäscher. Jeder macht, was er kann, als wäre das eine ganz normale Industrie“, heißt es in deutschen Sicherheitskreisen. „Das muss man sich vorstellen wie Unternehmen, die nach geschäftlichen Chancen und Risiken abwägen und ganz verwundert sind, wenn wir dann mit dem SEK vor der Tür stehen.“

:So funktionieren Kryptowährungen

Blockchain, Coin, Wallet: Die Welt der Digitalwährungen wirkt schnell abschreckend, allein wegen der vielen Fachbegriffe. Doch eigentlich ist alles ganz einfach.

Immer wieder Nadelstiche: Wie das BKA gegen Krypto-Gangster kämpft

Die Ermittlungsbehörden rüsten gegen diesen neuen Gegner schon seit einiger Zeit kräftig auf. Im vergangenen Jahr zerschlug das Bundeskriminalamt (BKA) mehr als 40 illegale Tauschbörsen, die über deutsche Server liefen, indem sie die Infrastruktur der Cyber-Kriminellen lahmlegten. Nicht weniger erfolgreich verlief die Operation Taleon. So lautete der Deckname eines der meistgesuchten Kriminellen weltweit, den russische Behörden vor einem Jahr festnahmen. Über Taleons Dienste ließen sich Bitcoin, erbeutet durch Ransomware-Angriffe oder andere Verbrechen, ganz einfach in echte Rubel tauschen. Gemeinsam mit dem FBI, Europol und Ermittlern aus den Niederlanden gelang es dem BKA, Taleons Serverstrukturen zu zerschlagen und mehr als 20 Millionen Euro sicherzustellen. Weil die Kryptobörsen aber immer öfter ihren Standort wechseln und viele Server im Ausland stehen, sind die Ermittlungen wie ein Katz-und-Maus-Spiel. Erfolgreich sind die Behörden meist dann, wenn sie sich international zusammenschließen. Doch das ist zuweilen schon wegen Sprachschwierigkeiten kein einfaches Unterfangen – von unterschiedlichen Gesetzgebungen mal ganz abgesehen.

Diese Schwächen kennt freilich auch das organisierte Verbrechen. Immer öfter wechseln die Kriminellen digitale Coins nicht mehr nur bei illegalen Untergrundbörsen, sondern auch bei großen legalen Kryptobörsen, bei denen auch Privatanleger ihre Bitcoin in Dollar oder Euro tauschen. Das zeigen die Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR sowie internationalen Partnern. Unter dem Projektnamen „The Coin Laundry“ recherchierten mehr als 100 Journalisten zur Rolle von Kryptobörsen und fanden immer wieder Geld, das gefährliche Verbrecherbanden über ganz gewöhnliche Kryptobörsen verschickten, tauschten und reinwuschen. Darunter war etwa das Sinaloa-Kartell. Diese mexikanische Verbrecherorganisation, die mit Drogen dealt und Menschen verschleppt, kennen viele wegen ihres berüchtigten Anführers El Chapo, der zeitweise zu den meistgesuchten Drogenbossen der Welt gehörte.

Gleich zwei Mal brach El Chapo, bürgerlich Joaquín Archivaldo Guzmán Loera, aus mexikanischen Hochsicherheitsgefängnissen aus, mittlerweile sitzt er in den USA in Haft. Sein Kartell ist noch immer aktiv und hat offenbar mehr als 700 000 US-Dollar von Wallets bei der bekannten und milliardenschweren US-Börse Coinbase erhalten. Schrillten bei Coinbase trotz des berüchtigten Empfängers keine Alarmglocken? Mit den Vorwürfen konfrontiert, antwortet die Börse: „Coinbase war über diese Transaktionen informiert. Durch die Kommunikation mit der US-Regierung führte dies dazu, dass die Wallet-Adresse sanktioniert wurde.“

Aber selbst wenn über diese eine Adresse nun keine Kryptowährungen mehr gehandelt werden können: Die Gangster weichen einfach auf andere Adressen oder gar Untergrundbörsen aus. Alles passiert innerhalb von Minuten, was es für Ermittler nahezu unmöglich macht, an konkrete Personen heranzukommen. Stattdessen konzentrieren sie sich darauf, die wirklich großen Fische zu fangen – und die Infrastruktur zu zerstören. So wie Anfang des Jahres bei Garantex, als deutsche, finnische und US-amerikanische Ermittler es schafften, die Server der Börse lahmzulegen.

Dass den Fahndern dann auch noch Aleksej Besciokov ins Netz ging, ist eine seltene Ausnahme im Kampf gegen Kryptokriminelle, sein Zwischenstopp im indischen Urlaubsparadies Kerala endete in jeder Hinsicht jäh. Kurz nach seiner Festnahme und noch vor der Auslieferung in die USA starb er in Delhi im Tihar-Gefängnis, einem der größten Gefängniskomplexe der Welt, an einem Herzinfarkt.

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