Fobizz-Gründerin: Schulen müssen KI als Teil ihres Bildungsauftrags verstehen

9 months ago 8

Die Bildungsplattform Fobizz entwickelt KI-Tools speziell für Schulen. Geschäftsführerin Diana Knodel spricht über Chancen, Grenzen und Anforderungen durch den EU-AI-Act - und erklärt, warum der Faktor Mensch trotz KI entscheidend bleibt.

Im Rahmen von „KI-Humanitas: Enabling AI-Skills“ konnte Dr. Wolfgang König Fobizz-Gründerin Knodel interviewen. Fobizz bietet unter anderem KI-Chatbots für das Arbeiten und Lernen in der Schule an. Mehrere Bundesländer bieten Lehrerinnen und Lehrern über Landeslizenzen kostenlose Zugänge an.

König: Frau Knodel, was sind die drei wichtigsten Key-Learnings aus Ihrer Sicht beim Thema Arbeiten und Lernen mit KI? (bitte auch kurz begründen)

Diana Knodel:

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  1. KI als Entlastung und Unterstützung, nicht als Ersatz: Lehrkräfte (und Schülerinnen und Schüler) sollten verstehen, dass KI-Tools dazu dienen, sie in ihren Aufgaben zu unterstützen und nicht, sie zu ersetzen. Durch die Automatisierung bestimmter Aufgaben kann KI wertvolle Zeit sparen, sodass Lehrkräfte sich auf kreative und pädagogische Tätigkeiten konzentrieren können.
  2. Grundverständnis der Funktionsweise von generativer KI: Ein solides Verständnis darüber, wie generative KI funktioniert, ist entscheidend. Dieses Wissen hilft Lehrkräften zu erkennen, wann der Einsatz von KI sinnvoll ist und fördert ein kritisches Bewusstsein für die Grenzen der Technologie.
  3. Integration von KI in den Bildungsprozess und Förderung digitaler Kompetenzen: Die Schulung von Lehrkräften in der Nutzung von KI ist wichtig, um diese verantwortungsvoll im Unterricht einzusetzen. Es ist wichtig, dass Fortbildungen zur Förderung digitaler Kompetenzen angeboten werden, damit Lehrkräfte die Möglichkeiten von KI optimal nutzen können.

König: Alle Reden aktuell über den EU-AI- ACT und die KI-Kompetenz-Pflicht, die seit Februar 2025 gilt. Was ist aus Ihrer Sicht für Schulen hier das Wichtigste?

Diana Knodel: Wichtig ist zunächst, dass Schulen sich mit Künstlicher Intelligenz auseinandersetzen und verstehen, dass KI kein rein technisches Thema ist, sondern auch pädagogische Chancen bietet. Der EU AI ACT und die damit verbundene KI-Kompetenz-Anforderung erfordern von Schulen, dass sie ein grundlegendes Verständnis von KI und deren Anwendung vermitteln.

Das kann gelingen, wenn die Integration von KI als Teil des Bildungsauftrags betrachtet wird. Schulen sollten ein Grundverständnis von KI vermitteln, inklusive ethischer und technischer Aspekte. Dies fördert die Fähigkeit, selbstständig und kritisch mit KI-Technologien umzugehen und bereitet Schülerinnen und Schüler auf die Anforderungen der digitalen Zukunft vor.

Um KI in den Bildungsauftrag zu integrieren, müssen Lehrerinnen und Lehrer über das notwendige Wissen und die praktischen Kompetenzen im Umgang mit KI-Tools verfügen. Regelmäßige Fortbildungsmaßnahmen und Zeit für Fortbildungen sind daher dringend nötig.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind klare Regeln zum Umgang mit KI in der Schule. Der Einsatz von KI muss transparent erfolgen, um das Vertrauen von Lehrkräften, Lernenden und Eltern zu gewährleisten.

Empfehlung

König: Als KI-Anbieter müssen auch Sie mit ihrer Lösung der fobizz KI-Tools verschiedene Kriterien nach EU AI ACT erfüllen. Was sind diese und welche sind grundsätzlich für Unternehmen relevant, wenn sie KI-Chatbots für ihre Mitarbeitenden einsetzen wollen.

Diana Knodel: Als KI-Anbieter müssen wir, wie alle Anbieter in diesem Bereich, verschiedene Kriterien des EU-AI-Acts erfüllen, insbesondere wenn es um den Einsatz von KI-Chatbots für unsere eigenen Mitarbeitenden oder auch für Lehrkräfte geht.

Zunächst ist die Risikokategorisierung wichtig. Die KI-Systeme werden in verschiedene Risikokategorien eingeteilt, von einem minimalen bis zu einem unannehmbaren Risiko. Unternehmen müssen sicherstellen, dass ihre KI-Tools in die richtige Risikokategorie eingeordnet werden. Hierzu haben wir im Februar 2025 bereits von einer Kanzlei eine Prüfung unserer KI-Tools durchführen lassen, einsehbar in einem Whitepaper auf fobizz.com. Diese hilft sowohl uns als auch unseren Kunden, eine Klassifikation vorzunehmen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Transparenzpflichten. KI-Chatbots müssen klar als solche erkennbar sein, was bedeutet, dass Nutzer:innen informiert werden müssen, dass sie mit einem KI-System interagieren.

Grundsätzlich müssen wir, wie alle Anbieter, sicherstellen, dass Datenschutz und Datensicherheit gewährleistet sind. Es dürfen keine sensiblen personenbezogenen Daten verarbeitet werden, und die Datenschutz-Grundverordnung muss eingehalten werden.

Und schließlich ist die Schulung der Mitarbeiter:innen wichtig. Mitarbeiter:innen, die mit KI-Chatbots arbeiten oder, wie wir, entwickeln, müssen im technischen, rechtlichen und ethischen Umgang mit diesen Systemen geschult werden. Auf der fobizz Plattform gibt es bereits über 50 Fortbildungen rund um KI, auf die wir selbst auch zurückgreifen. Zum anderen organisieren wir firmenintern sogenannte AI-Lightning-Talks. In diesem Rahmen teilen Mitarbeiter:innen ihre KI-Erfahrungen und stellen ihren Kolleg:innen des fobizz Teams Tools oder Best Practices vor. Alle sind eingeladen - zuzuhören, aber auch eigene Themen vorzustellen. Bisher angemeldete Themen im April sind z. B. LLM Routing Layer, Eleven Labs für die Internationalisierung, KI als Coding-Buddy oder die wichtigsten Erkenntnisse unseres ersten KI-Fachtages, dem KI-Klassentreffen. Ein bunter Mix aus technischen Themen, Anwendungen und Einblicke in die Nutzung durch Lehrkräfte. Uns ist es wichtig, unsere Mitarbeitenden zu motivieren, mit KI zu experimentieren, Dinge auszuprobieren und das Gelernte dann auch mit anderen zu teilen.

König: Es gibt sehr viele KI-Chatbot-Anbieter. Viele Unternehmen nutzen bereits den Copilot oder ChatGPT. Warum würde es aus Ihrer Sicht Sinn ergeben, fobizz einzusetzen, schließlich ist ChatGPT oder auch der Copilot teilweise kostenlos verfügbar.

Diana Knodel: Unser Angebot bei fobizz ist speziell auf die Bedürfnisse von Schulen und Lehrkräfte zugeschnitten, was uns von allgemeinen KI-Chatbot-Lösungen unterscheidet. Bei uns finden Lehrkräfte, die sich ganz neu mit KI beschäftigen, im fobizz Promptlabor vorbereitete Prompts. Sie können ein Thema wählen und müssen dann nur wenige Angaben machen. Im Hintergrund wird ein Prompt generiert. Das ist ein einfacher Einstieg, bei dem man nicht selbst prompten muss. Für die Profis haben wir unsere KI-Assistenten: Lehrkräfte können eigene KI-Chatbots - wie die GPTs bei OpenAI - erstellen, inklusive Systemprompt und Hintergrundwissen. All das kann mit dem Kollegium, Schüler:innen oder anderen Personen geteilt werden.

Begleitet wird unser Angebot mit einem großen Katalog an tollen Selbstlernkursen sowie regelmäßig stattfindenden Webinaren - alles genau auf die Zielgruppe der Lehrkräfte zugeschnitten.

Unsere KI-Tools können zudem auch begleitet durch Lehrkräfte mit Schülerinnen und Schülern genutzt werden - im Rahmen unserer digitalen Klassenräume. Lehrkräfte können gezielt Tools, Materialien oder KI-Chatbots freigeben, die Schülerinnen und Schülern beim Lernen helfen, ohne dass diese einen eigenen Account benötigen.

König: Wir haben bisher noch gar nicht über das Lernen mit KI gesprochen. Welche Relevanz wird aus Ihrer Sicht das Lernen mit KI-Chatbots in der Schule haben?

Diana Knodel: Ich bin überzeugt davon, dass KI-Chatbots eine hohe Relevanz für die Zukunft des Lernens haben, denn KI-Chatbots können etwa individuell beim Lernen unterstützen und personalisiertes Lernen ermöglichen. Dies fördert nicht nur die Eigenständigkeit der Schülerinnen und Schüler, sondern auch ihre Verantwortung für den eigenen Lernfortschritt. Durch sofortiges Feedback können Lernende ihre Fehler direkt erkennen und korrigieren. Darüber hinaus unterstützt der Einsatz von KI-Chatbots die Entwicklung digitaler Kompetenzen, die in unserer digitalisierten Welt unerlässlich sind.

Auch für Lehrkräfte können KI-Chatbots eine wertvolle Entlastung bieten, da sie Routineaufgaben automatisieren und so mehr Zeit für die persönliche Interaktion mit den Schüler:innen schaffen. Wichtig bei alldem ist aber das bereits erwähnte Grundverständnis von generativer Künstlicher Intelligenz. Antworten müssen kritisch hinterfragt werden und sowohl Lehrkräfte als auch Lernende müssen wissen, dass die KI-generierten Ergebnisse auch fehlerhaft sein können. Eine kritische Auseinandersetzung mit KI und den Ergebnissen ist daher zwingend nötig.

König: Wie muss sich aus Ihrer Sicht die Unternehmens- und Arbeitskultur verändern, wenn KI-Tools zum Arbeiten und Lernen genutzt werden. Man kann sich beispielsweise gar nicht mehr sicher sein, ob die KI eine E-Mail geschrieben hat oder ein Mensch?

Diana Knodel: Die Einführung von KI-Tools in Unternehmen und Schulen erfordert Vertrauen, Transparenz und klare Regeln. Es muss klar kommuniziert werden, wann und wie KI-Tools eingesetzt werden. Dies ist entscheidend, um Vertrauen in die Technologie zu schaffen und Missverständnisse zu vermeiden, ob eine E-Mail von einem Menschen oder einer KI verfasst wurde.

Wichtig ist auch die Förderung einer offenen Fehlerkultur. Mitarbeiter:innen und Lernende sollten ermutigt werden, mit KI-Tools zu experimentieren und aus Fehlern zu lernen. Dies fördert eine innovative Umgebung, in der neue Technologien als Werkzeuge zur Unterstützung und nicht als Bedrohung wahrgenommen werden.

Bei all dem ist es wichtig, die Rolle der menschlichen Interaktion hervorzuheben. Während KI-Tools viele Aufgaben automatisieren können, bleiben die zwischenmenschliche Kommunikation und das soziale Miteinander von unschätzbarem Wert. Lehrkräfte und Mitarbeitende sollten darin geschult werden, wie sie KI sinnvoll in ihre Arbeit integrieren können, ohne den menschlichen Faktor zu vernachlässigen.

Durch eine bewusste Gestaltung der Arbeitskultur und mit der richtigen Denkweise können Unternehmen und Schulen die Potenziale von KI bestmöglich ausschöpfen und gleichzeitig die Herausforderungen, die mit ihrer Einführung einhergehen, erfolgreich meistern.

König: Wie nutzen Sie ganz persönlich KI-Chatbots und was ist dabei aus ihrer Sicht das Wichtigste?

Diana Knodel: Ich arbeite regelmäßig mit verschiedenen KI-Tools, sowohl beruflich als auch privat. Ich nutze etwa KI-Tools gern für Brainstorming-Sitzungen, um Ideen zu entwickeln und neue Perspektiven zu gewinnen. So ist zum Beispiel auch unser Podcast-Titel "Kreide. KI. Klartext." entstanden. Natürlich nicht beim ersten Prompt und auch nach zahlreichen Brainstormings im Team, aber letztlich hat dieser KI-generierte Titel "gewonnen".

Ein weiterer wichtiger Anwendungsbereich ist die Korrektur von Texten, wo KI-Tools mir helfen, Grammatik- und Rechtschreibfehler zu identifizieren und Verbesserungsvorschläge zu erhalten. Hier arbeite ich gern mit DEEPL.

Darüber hinaus lasse ich mir gern längere Artikel oder Studien zusammenfassen. Entweder als Text oder als Audiodatei. So bekomme ich schon eine gute Idee, worum es in dem Artikel geht und kann dann immer noch entscheiden, ob ich ihn komplett lesen will.

Der Einsatz von KI-Tools ist besonders praktisch, wenn ich mit meinen Kindern lerne. Ich habe KI-Assistenten entwickelt, die auf die entsprechenden Lehrpläne zugreifen. Wenn wir dann die Themen für die Vorbereitung auf Klassenarbeiten eingeben, erhalten wir in kürzester Zeit eine tolle Lernunterstützung.

So kann ich meine Kinder besser beim Lernen begleiten und sie lernen gleichzeitig, was im Umgang mit KI gut funktioniert und was nicht. Teilweise erkennen sie auch selbst Fehler oder Unterschiede zu dem, was sie in der Schule gelernt haben - dann weiß ich: Super, sie haben es verstanden und fast noch besser: Sie wissen, dass sie kritisch mit den Ergebnissen der KI umgehen müssen.

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