Rüstung, Software, Soldaten, Geheimdienstinformationen: Die USA tragen einen erheblichen Teil zur Verteidigung Deutschlands bei. Was ohne diese Hilfen geschehen könnte.
23. Januar 2026, 5:30 Uhr
Europa soll stärker werden, unabhängiger von den Vereinigten Staaten. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos forderte das etwa EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz sagte bereits vor seinem Amtsantritt 2025, Europa müsse "Schritt für Schritt Unabhängigkeit erreichen von den USA" – und meinte das ausdrücklich auch im militärischen Kontext.
US-Präsident Donald Trump mag in Davos seine Drohungen gegen Dänemark und dessen Unterstützer in Sachen Grönland abgeschwächt haben: keine Gewalt bei der Übernahme der Insel, keine Strafzölle, es soll eine Einigung geben. Trotzdem gelten die USA in vielen europäischen Nato-Staaten als nicht mehr zuverlässig. Doch ohne die stärkste Militärmacht der Welt kann sich Deutschland nicht selbst verteidigen. Wo sind die Abhängigkeiten am größten?
Übersicht:
Ohne Amerika fehlt ein atomarer Schutzschirm
Eine Parole im Kalten Krieg lautete: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter. Die Supermächte USA und UdSSR und einige ihrer Verbündeten waren nicht nur mit Nuklearsprengköpfen bewaffnet. Sie waren (und sind) auch zweitschlagfähig: Sollten sie mit Atomwaffen angegriffen werden, dann hätten sie noch zurückschlagen können, mit Interkontinentalraketen aus abgelegenen und tief im Boden steckenden Silos sowie von abgetauchten U-Booten. Der Aggressor wäre dann ebenso von Massenvernichtungsmitteln zerstört worden wie sein Opfer. Diese apokalyptische Strategie hat dazu beigetragen, dass der Konflikt der Blöcke nie bis zum Äußersten eskaliert ist.
Deutschland hat mit der Wiedervereinigung im Zwei-plus-Vier-Vertrag auf eigene Atomwaffen verzichtet. Es verfügt auch über keine Raketen, die als Träger dienen könnten, und über keine U-Boote, die sie abschießen könnten. Die atomare Abschreckung für die Bundesrepublik übernehmen die USA. Sie haben hier auch Kernwaffen stationiert.
Die Bundeswehr soll im Rahmen der nuklearen Teilhabe im Kriegsfall mit Atombomben ausgestattet werden. Derzeit sind die Jagdbomber vom Typ Tornado in der Lage, sie abzuwerfen. Künftig sollen die in den USA bestellten F-35 diese Aufgabe übernehmen. Die Atombomben bleiben aber stets unter US-amerikanischer Kontrolle. Ohne die USA gibt es derzeit weder die nukleare Teilhabe noch einen atomaren Schirm für Deutschland.
Großbritannien und Frankreich verfügen ebenfalls über Atomwaffen. Deutschland solle sich finanziell an den Nuklearprogrammen beteiligen und so unter den nuklearen Schutz der Regierungen in London oder Paris gestellt werden, schlagen einige Experten vor. Damit würde allerdings keine Mitbestimmung beim Einsatz der Waffen einhergehen.
Ohne Tipps aus den USA gibt es keine Terrorbekämpfung
Nach Einsätzen gegen mutmaßliche Terroristen, cyberkriminelle
Netzwerke und feindliche Agenten heißt es oft, die deutschen Behörden hätten
nach einem Hinweis von Partnerdiensten aus dem Ausland gehandelt. Dahinter
stecken in der Regel die Central Intelligence Agency (CIA) oder die National Security
Agency (NSA) der USA.
Dank Warnungen dieser Dienste soll 2007 die islamistische Sauerland-Gruppe ausgeschaltet worden sein, die Autobombenanschläge in Deutschland geplant hatte. 2018 kam von den USA der Tipp, dass in Köln ein Anschlag mit dem Gift Rizin geplant sei, 2023 erhielten deutsche Behörden Hinweise auf zwei Verdächtige, die in Castrop-Rauxel in Nordrhein-Westfalen einen Anschlag mit Chemiewaffen planten. 2024 wiesen die USA auf Attentatspläne gegen den Rheinmetallchef Armin Papperger hin, der Deutschlands größten Rüstungskonzern führt.
Meist fangen die US-Dienste die Kommunikation von Verdächtigen ab, lesen Messenger-Nachrichten oder E-Mails mit und hören Telefonate ab. Die technischen Möglichkeiten der deutschen Dienste sind deutlich schlechter als die ihrer Kolleginnen und Kollegen auf der anderen Seite des Atlantiks – die dürfen auch mehr, haben weniger juristische Vorgaben. Bei einer Anhörung im Bundestag über die Zusammenarbeit zwischen deutschen und US-Geheimdiensten sagte ein hochrangiger Beamter des Bundesverfassungsschutzes, für den Kampf gegen islamistisch-terroristische Aktivitäten sei ein "enger Datenaustausch unverzichtbar". Ohne Rückgriff auf Erkenntnisse der NSA wäre der Verfassungsschutz nicht in der Lage, seine Aufklärungsmission zu erfüllen. Diese Aussage ist nach wie vor gültig. Deutsche Dienste und Polizeibehörden nutzen zudem Spionage- und Überwachungssoftware aus den USA.
"Bei fast allen Fällen kam der entscheidende Hinweis nicht von uns, sondern von den amerikanischen Geheimdiensten", stellte Peter Neumann, der eine Professur für Security Studies am King's College in London innehat, im Bayerischen Rundfunk fest. "Wenn die das merken, werden die sofort kommen und sagen: 'Entweder ihr zahlt, oder wir drehen euch den Hahn ab.'" Als politisches Druckmittel hat US-Präsident Trump seine Dienste bereits genutzt: Im März 2025 hatten NSA und CIA die Weitergabe von Geheimdienstinformationen an die ukrainischen Partner vorübergehend eingestellt und die Verteidiger in große Bedrängnis gebracht.
In Deutschland besteht ebenfalls die Sorge, dass bei einem politischen Streit mit der Regierung in Washington der Informationsfluss versiegen könnte. Unions-Fraktionschef Jens Spahn forderte zuletzt mehr Befugnisse für deutsche Geheimdienste. "Wir müssen mehr für unsere Sicherheit tun", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. "Stand heute sind wir zu oft abhängig von Informationen der US-Geheimdienste."
Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND soll nun mehr Befugnisse für Spionage im Ausland erhalten. Rasch wird sich so die Abhängigkeit von den USA nicht reduzieren lassen.
Ohne US-Satelliten schwächelt die Aufklärung
Die Bundeswehr verfügt nur über acht Aufklärungssatelliten, von denen fünf allerdings älter sind und zwei neue Exemplare technische Probleme verursachen. Ohne die USA würden ihr Mittel zur elektrooptischen militärischen Aufklärung fehlen. Sollte die Regierung in Washington die Weitergabe von Daten aus dem All reduzieren oder aussetzen, wäre Deutschland strategisch sehr kurzsichtig.
Der Auslandsgeheimdienst verfügt derzeit über keinen eigenen Satelliten. Bereits nach der Annexion der Krim durch russische Soldaten und Besetzungen im Donbas durch von der Regierung in Moskau gesteuerte Kräfte 2014 sollte der BND den ersten eigenen Satelliten bekommen. Die Bundesregierung bestellte auch das Geheime Elektro-Optische Reconnaissance System Germany (Georg). Dessen Start wurde immer weiter verschoben, zuletzt in das Jahr 2026 hinein. Georg soll in diesem Jahr ins All geschickt werden.
Die Bedeutung des Alls für die Sicherheit hat auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius erkannt. Im September 2025 sagte er auf einem Kongress, Russland und China hätten in den vergangenen Jahren ihre Fähigkeiten zur Kriegsführung im Weltraum rasant ausgebaut. Sie könnten Satelliten stören, blenden oder zerstören. 2023 richtete die Bundeswehr ein Weltraumkommando ein. Pistorius kündigte erhebliche Investitionen in den Bereich an: Bis 2030 sollen dafür 35 Milliarden Euro verwendet werden.
Ohne Waffen aus den Vereinigten Staaten geht es nicht
Die Bundeswehr nutzt Sondervermögen und steigende Wehretats, um viele Waffen, Munition und Material zu kaufen. So manches System wird dabei in den kommenden Jahren aus den USA kommen. Etwa die neuen F‑35‑Jets, bei denen lediglich Teile des Rumpfes in Deutschland von Rheinmetall gefertigt werden. Die entscheidende Technologie stellen US-Konzerne bereit, die auch die Patente darauf halten. Ohne regelmäßige Software-Updates aus den USA bleiben die 35 Mehrzweckkampfflugzeuge zudem nicht einsatzbereit.
Auch die acht P8A-Poseidon – Flugzeuge, die gegnerische Kriegsschiffe und U-Boote aufspüren können – kommen aus US-Produktion. Der Seefernaufklärer könnte etwa zum besseren Schutz der Arktis eingesetzt werden. Dänemark hatte jüngst europäische Verbündete gebeten, gemeinsam mehr für die Sicherheit Grönlands zu tun. Bestellt wurde für die Marine zudem die MQ-9B SeaGuardian, die maritime Variante der Kampfdrohne Reaper. Im Januar 2026 orderte die Bundeswehr acht dieser unbemannten Flugzeuge bei General Atomics.
Generell wäre die deutsche Marine ohne US-Technik kaum einsatzfähig. So stammen Raketen, die von Bord aus abgefeuert werden, von US-Firmen. Im November 2025 genehmigte der Kongress in Washington die Lieferung von Hunderten moderner Raketen für gut 3,5 Milliarden Euro an die Bundesrepublik. Für die Marine plant die Bundesregierung den Kauf von 400 US-Tomahawk-Marschflugkörpern.
Ebenfalls entscheidend sind Kooperationen mit den Vereinigten Staaten für die Flugabwehr. Das Rückgrat der deutschen Luftverteidigung bildet das Patriot-System, eine US-Entwicklung. Auch die Flotte nutzt Abwehrraketen aus US-Produktion. Dazu stammt Radartechnologie aus den USA. Zudem verfügt die Bundeswehr über keine Hyperschallwaffen, die sehr schnell fliegen und schwer abzuwehren sind. Russland nutzt solche Mittel für Schläge in der Ukraine. Und das Regime in Moskau baut sein Arsenal an Hyperschallraketen zügig aus.
Der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz und Verteidigungsminister Boris Pistorius haben in den USA dafür geworben, dass der Verbündete solche Waffen mit großer Reichweite, Geschwindigkeit und hoher Präzision in Deutschland aufstellt. Im Juli 2024 vereinbarten beide Regierungen, dass ab 2026 Tomahawk-Marschflugkörper, SM-6 Raketen und Dark-Eagle-Hyperschallraketen hier stationiert werden sollen. Ob die Trump-Regierung diese Vereinbarung einhält, ist allerdings unklar.
Ohne das US-Militär ist die Bundeswehr zu klein
Derzeit stehen bis zu 39.000 US-Soldaten in Deutschland. Die Streitkräfte unterhalten mehrere Standorte hier, die für die USA von großer Bedeutung sind, weit über Mitteleuropa hinaus. So dient die Ramstein Air Base als Drehkreuz für die Luftwaffe. In Stuttgart befindet sich das US-Hauptquartier für Europa (Eucom) und Afrika (Africom), in Wiesbaden dazu noch das Hauptquartier der US Army Europe – also der Landstreitkräfte.
Und in Grafenwöhr liegt der größte Truppenübungsplatz außerhalb der Vereinigten Staaten. Dieses Areal wollte Trump bereits einmal aufgeben, in seiner ersten Amtszeit. Weitere Schließungen von Standorten sind dagegen eher unwahrscheinlich, da sie für die Sicherheit der USA eine bedeutende Rolle spielen und Deutschland einen Teil der Kosten trägt.
Die Präsenz so vieler US-Soldaten bietet einen Schutz vor einem großangelegten Angriff auf Nato-Gebiet. Die Kampfverbände der USA zu ersetzen, würde der Bundeswehr kaum gelingen. Sie verfügt derzeit über 184.000 Männer und Frauen in der aktiven Truppe. Die soll auf 260.000 Soldaten anwachsen. Bislang allerdings sind die deutschen Streitkräfte kaum größer geworden. Seit dem Amtsantritt von Pistorius vor drei Jahren vergrößerte sich die Truppe um 900 Uniformierte. Mit einem reformierten freiwilligen Wehrdienst und verbesserter Rekrutierung soll die Zahl in den kommenden Jahren deutlich steigen.



