EU verschiebt ETSII auf 2028

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Die EU hat Angst vor der Wut ihrer Bürger. Deshalb verschiebt sie ihr wichtigstes Instrument im Kampf gegen den Klimawandel. Was sind die Folgen?

Aus der ZEIT Nr. 48/2025 Aktualisiert am 18. November 2025, 7:59 Uhr

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 Gebäude sind für 36 Prozent der CO₂-Emissionen in der Europäischen Union verantwortlich.
Gebäude sind für 36 Prozent der CO₂-Emissionen in der Europäischen Union verantwortlich. © Ralf Poller/​ddp

Steigende Preise sind politisches Gift. Das zeigte sich zum Beispiel, als Zehntausende Menschen in Frankreich mit gelben Westen auf die Straße gingen, um gegen eine Erhöhung der Kraftstoffsteuer zu protestieren. Es zeigte sich nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, als auch die hohen Gaspreise zum Sturz der italienischen Regierung führten. Und es zeigte sich bei den jüngsten Wahlen in den USA, als den Demokraten vor allem die Inflation zum Verhängnis wurde.

Kein Wunder also, dass viele Regierungen in der EU steigende Preise möglichst verhindern wollen. Um das zu erreichen, entschieden die Umweltminister der Mitgliedsstaaten vergangene Woche, den zweiten Europäischen Emissionshandel (ETSII), der Heizen und Tanken teurer macht, um ein Jahr zu verschieben. Statt im Januar 2027 soll er nun erst 2028 starten.

Es ist der nächste Schritt in einer Reihe von Maßnahmen, mit denen die EU ihre Ambitionen im Klimaschutz zurückschraubt. Seit Monaten werden Gesetze abgeschwächt, oder ihre Durchsetzung wird verschoben, zeitgleich lobbyiert die Autoindustrie für ein Aufweichen des Verbrenner-Aus. Die Industrie fürchtet um ihre Wettbewerbsfähigkeit, Verbote und Vorschriften finden keine Mehrheiten mehr.

Auf den gemeinsamen Emissionshandel aber, so schien es, konnten sich alle noch einigen. Denn bereits seit 2005 gibt es den sogenannten ETSI, der die CO₂-Emissionen der Industrie und Energiewirtschaft schrittweise senken soll. Mit dem ETSII wird das System auf die Bereiche Gebäude und Verkehr übertragen.

Das Prinzip des Emissionshandels funktioniert so: Wer klimaschädliche Brennstoffe wie Öl und Gas in Umlauf bringt, braucht dafür ein Zertifikat. Unternehmen kaufen diese Nachweise ein und geben die Kosten an die Kunden weiter. Jahr für Jahr reduziert die EU die Menge der Zertifikate, der Ausstoß von CO₂ wird dadurch teurer. Für Verbraucher wird es also attraktiver, auf ein Elektroauto umzusteigen oder sich eine Wärmepumpe einzubauen. Durch den Handel werden Emissionen dort vermieden, wo es am günstigsten ist. Das ist der Vorteil.

Der ETSII hat aber auch einen großen Nachteil: Die höheren Kosten treffen ärmere Menschen besonders stark. Sie leben zwar häufig auf weniger Wohnfläche als reichere Haushalte, aber gleichzeitig auch in schlechter gedämmten Häusern, die besonders viel Energie schlucken. Wer auf dem Land wohnt und zur Arbeit pendelt, verbraucht viel Kraftstoff, hat aber vielleicht nicht die Mittel, sich ein neues Auto zu kaufen.

In Deutschland werden diese Kosten bereits sichtbar. Schon seit 2021 gibt es hierzulande einen nationalen CO₂-Preis, der später im ETSII aufgehen soll, aktuell liegt er bei 55 Euro pro Tonne. Wer Diesel tankt, zahlt deshalb rund 17 Cent zusätzlich, bei Benzin sind es rund 16 Cent.

Der ETSII aber wird in der ganzen EU gelten, also auch in Ländern, in denen das Pro-Kopf-Einkommen deutlich niedriger ist als in Deutschland. Schon jetzt gibt in Bulgarien fast jeder Vierte an, sein Zuhause aufgrund hoher Energiepreise und schlechter Isolierung nicht angemessen warm halten zu können. Bei einem Preis von 100 Euro pro Tonne CO₂ würden die Gaspreise dort um 25,5 Prozent steigen. "Die Lenkungswirkung in ärmeren Ländern ist eben nicht: Wir stellen auf eine Wärmepumpe um, sondern: Wir heizen nicht", sagt Michael Bloss, Europaabgeordneter der Grünen. Entsprechend unbeliebt sei der ETSII bei anderen Mitgliedsstaaten.

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