EU treibt Einführung des digitalen Euro voran

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Es ist zwar noch etwas hin, aber spätestens 2029 könnte sich deutlich ändern, wie Menschen in Europa bezahlen. Dann will die Europäische Zentralbank (EZB) einen digitalen Euro einführen, als Ergänzung zum klassischen Bargeld. Mit dem Projekt, auf das sich vor ein paar Tagen auch die EU-Finanzminister geeinigt haben, verbindet die EU die Hoffnung auf mehr digitale Souveränität. Denn bislang dominieren US-Konzerne wie Mastercard, Visa und Paypal hierzulande den Zahlungsverkehr. In geopolitischen Konflikten verschafft das den USA unter Präsident Donald Trump, beträchtliches Druckpotenzial.

Ausgelöst hatte die Debatte aber bereits 2018/19 der sogenannte Libra-Schock: Facebook plante damals eine eigene Digitalwährung dieses Namens. Das Vorhaben scheiterte zwar am politischen Widerstand, ließ die Notenbanker aber nicht los. Viele von ihnen fürchten seither, Einfluss auf die Währungen zu verlieren. Wenn ein großer Teil des Zahlungsverkehrs in alternativen Währungen oder vor allem über private Anbieter aus den USA läuft, dann könnte das ihren geldpolitischen Spielraum einschränken. Der rauere Ton aus Washington verstärkt nun diese Sorge. Was wäre, wenn die US-Regierung ihre Zahlungsdienste eines Tages auf politischen Druck hin für einzelne Länder oder Regionen einstellen würde? So wie Visa und Mastercard dies nach dem russischen Überfall auf die Ukraine richtigerweise gegenüber Russland getan haben. Die US-Unternehmen weisen solche Überlegungen natürlich weit von sich. Aber Trump schert sich bekanntlich nicht darum, was einzelne Unternehmen sagen. Die Idee eines digitalen Euro hat dadurch an Dringlichkeit gewonnen. Doch was bedeutet das Vorhaben für Bürgerinnen und Bürger? Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wofür braucht man den digitalen Euro überhaupt?

Viele Menschen nutzen immer noch Bargeld, besonders die Deutschen hängen an Münze und Schein. Die Nutzung geht jedoch zurück. 2024 haben Verbraucher etwa 63,5 Prozent des Einzelhandelsumsatzes in Höhe von 495 Milliarden Euro mit Karte bezahlt. Dies war so viel wie noch nie, der Bargeldanteil sank entsprechend auf 36,5 Prozent, so eine Studie des Euro Handelsinstituts (EHI). Für digitale Zahlungen sind Bürger in vielen EU-Ländern aber komplett auf US-Dienste angewiesen. Der digitale Euro soll diese Lücke schließen. Zudem möchte die EZB sicherstellen, dass es auch in der digitalen Welt noch eine Art Geld gibt, das die gleichen Eigenschaften hat, die die Menschen heute am Bargeld schätzen. Das sind primär die Anonymität und die Verfügbarkeit, dass man für die Bezahlung also weder Strom noch Internet benötigt. Das soll der digitale Euro leisten, ergänzend zum klassischen Bargeld, nicht als Ersatz. Burkhard Balz, der im Vorstand der Bundesbank für den Zahlungsverkehr zuständig ist, bezeichnet den digitalen Euro deshalb auch als „digitalen Zwilling“ des Bargelds.

Aber die Menschen bezahlen doch schon lange digital?

Stimmt, viele Menschen bezahlen täglich auch mit Kreditkarte oder Girocard. Doch in all diesen Fällen bezahlt man mit sogenanntem Giralgeld. Beim digitalen Bargeld handelt es sich jedoch – wie beim klassischen Bargeld – um sogenanntes Zentralbankgeld. Hintergrund: Im Finanzsystem existieren zwei Arten von Geld. Für das eine stehen die Geschäftsbanken gerade, für das andere die Zentralbanken. Das Entscheidende ist: Geschäftsbanken können pleitegehen, Zentralbanken nicht. Zentralbankgeld ist daher ausfallsicher. Deshalb heben Menschen in einer Bankenkrise ihr Geld in bar ab, wenn das viele gleichzeitig tun, spricht man von einem „Bankrun“, der für die Stabilität des Bankensystems sehr gefährlich ist.

Das geplante digitale Bargeld kommt in zwei Versionen, eine Online-Version für Zahlungen im Netz, und eine, die wie Bargeld auf dem Handy funktionieren soll. Insgesamt sollen aber nur maximal 3000 Euro in digitalen Euros gehalten werden dürfen. Insofern bleibt für Menschen, die größere Summen nicht auf Bankkonten verwahren wollen, auch in Zukunft nur Bargeld. Übrigens: digitales Bargeld darf nicht verzinst werden. Das ist folgerichtig, denn auch klassisches Bargeld wird nicht verzinst.

Warum die Obergrenze für den Besitz von digitalem Bargeld?

Die EZB möchte die Banken damit auf zweierlei Arten schützen. Zum einen vor einem digitalen Bankrun. Denn mit dem Handy könnten Kunden binnen Sekunden ihr gesamtes Giralgeld vom Konto abziehen und als digitales Bargeld in der Wallet sichern. Natürlich können Kunden im Ernstfall ihre gesamten Einlagen binnen Sekunden per Mausklick von einem Bankkonto auf das Konto einer anderen Bank überweisen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der digitale Run auf die Silicon Valley Bank in den USA im März 2023, die anschließend pleiteging. Zum anderen verhindert die Obergrenze, dass Bankkunden ihr gesamtes Geld von den Geschäftsbanken auf ihr Wallet verschieben. Denn wenn die Einlagen der Kunden massiv schrumpfen, können Banken wichtige Aufgaben, wie etwas die Kreditvergabe, nicht mehr im gleichen Maß erfüllen. Zuletzt schützt die EZB mit der Obergrenze auch die Kunden. Geld, das auf dem Offline-Wallet gespeichert wird, ist nämlich nach aktuellem Stand genau wie verlorenes Bargeld nicht wiederherstellbar, wenn das Handy verloren geht oder zerstört wird.

Schützt der digitale Euro die Privatsphäre?

Klassisches Bargeld bietet den besten Schutz der Privatsphäre, niemand kann verfolgen, was man damit gekauft hat. Aber auch der digitale Euro soll die Privatsphäre schützen. Man soll den digitalen Euro zum Beispiel auch offline verwenden können, also ohne Internetanbindung. Hier kann Person X an Person Y Geld von einer Wallet in die Wallet des anderen überweisen, ohne dass ein digitaler Aufzeichnungsnachweis entsteht. Das Geld wechselt lediglich von einer Wallet zur anderen. Aber auch Personen, die online einander digitales Bargeld überweisen, wird die EZB nicht identifizieren können. Die Daten werden mit Codes entsprechend verschlüsselt. Allerdings: Wenn die Online-Version des digitalen Euro verwendet wird, dann können Banken die Transaktionen genauso zuordnen, wie das heute bei Kreditkarten- und Girokarten-Zahlungen der Fall ist. Dieses Design ist jedoch Absicht von der EZB, um Banken nicht von für sie wichtigen Informationen über Kundenbonität abzuschneiden.

Könnte der digitale Euro zur staatlichen Kontrolle oder Steuerung von Zahlungen genutzt werden?

Die EZB hat immer wieder erklärt, dass eine Programmierung des digitalen Euro ausgeschlossen sein soll. Andere digitale Währungen wie private Stablecoins, führen die Programmierbarkeit ihres Geldes immer wieder als Vorteil ins Feld. So könne man etwa Taschengeld an Kinder so programmieren, dass davon kein Alkohol gekauft werden kann. Das würde einen Euro Digitalgeld aber weniger wertvoll machen als einen Bargeld-Euro, was die EZB unbedingt verhindern will. Viele Verschwörungstheoretiker im Netz behaupten aber das Gegenteil. Auch die AfD malt genau solche Schreckensszenarien an die Wand und lehnt den digitalen Euro aus Angst vor staatlicher Kontrolle ab. Wenn man nicht davon ausgeht, dass die EZB die Bürger Europas frech anlügt, dann sind solche Sorgen aber unbegründet.

Werden die Verbraucher künftig direkt ein EZB-Konto haben? 

Die EZB gibt den digitalen Euro aus, ist aber nicht der Anbieter der Wallets für Endkunden, das sollen weiterhin die Geschäftsbanken erledigen, in deren Banking-App die Funktion integriert sein soll. Die EZB plant zudem Sicherheitsmechanismen ähnlich wie beim Online-Banking. Digitales Geld geht nicht verloren, solange der Zugang über die Wallet gesperrt werden kann. Derzeit plant die EZB, den digitalen Euro auch für Menschen ohne Smartphone nutzbar zu machen, etwa über Karten, allerdings mit gewissen Einschränkungen.

Was bringt der digitale Euro den Einzelhändlern? 

Der digitale Euro soll das digitale Bezahlen günstiger machen. Blumengeschäfte, Restaurants, Kaufhäuser und andere Händler klagen oft über die hohen Gebühren, die bei Kartenzahlungen für sie anfallen. Bis zu drei Prozent Gebühren fließen bei jedem Umsatz an Paypal, Mastercard oder Visa. Die Händler müssen die Gebühren entrichten, zumindest einen Teil legen sie natürlich auf den Verkaufspreis um. Am günstigsten kommen Geschäfte weg, wenn die Kundschaft mit Schein und Münze zahlt oder die Girocard nutzt, so eine aktuelle Analyse der Bundesbank. Bringt man die Kosten ins Verhältnis zum Umsatz, erreicht die Girocard – die landläufig oft noch „EC-Karte“ genannt wird – mit 1,0 Prozent den niedrigsten Wert. Digitaler-Euro-Zahlungen sollen mindestens in dieser Liga mitspielen können. Insgesamt sollen also auch die Kosten für den Einzelhandel durch mehr Wettbewerb im Markt für Bezahlverfahren gesenkt werden, nicht nur durch den digitalen Euro, sondern auch durch die neue privatwirtschaftliche europäische Zahlungsalternative Wero.

Hinter dieser App verbirgt sich ein neuer europäischer digitaler Bezahldienst à la Paypal, getragen von zahlreichen Banken, mit dem man in Sekunden Geld von Konto zu Konto senden und bald auch online einkaufen kann, ohne IBAN, dafür per Handy-Nummer oder E-Mail. Aus Sicht des Berichterstatters im EU-Parlament, Fernando Navarrete, ein spanischer Konservativer, genügt eine privatwirtschaftliche Alternative. Entsprechend steht er dem digitalen Euro skeptisch gegenüber und bremst die Pläne. Die Notenbanker sehen das anders: Wero und der digitale Euro sollten „natürliche Partner sein“, wie es Bundesbankvorstand Burkhard Balz formuliert. Auch Wero verspricht schließlich mehr digitale Souveränität für Europa – idealerweise schon jetzt und nicht erst in einigen Jahren. Die Skepsis der Notenbanker hat allerdings einen Grund: bislang sind sämtliche privatwirtschaftlichen Zahlungsinitiativen dieser Art in Europa gescheitert.

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