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Unsere digitale Abhängigkeit von Amerika wirkte halb so schlimm, als dort noch kein Autokrat an der Macht war. Nun will die EU sich abnabeln – und könnte zur Anführerin einer planetaren Revolution werden.
Dass Europa eine digitale Kolonie der USA ist, komplett abhängig und abgehängt, fand man viele Jahre lang: erstaunlich okay. Man beruhigte sich damit, als regulatorische Supermacht heimlich die Welt zu regieren. Apple, Google, Meta und Microsoft unterwarf man der Datenschutz-Grundverordnung der EU – und die Tech-Giganten übernahmen die Regelung als ihren globalen Standard.
Ähnlich wollte die EU zuletzt mit dem Problem verfahren, dass das Internet monopolistisch verzerrt, voll von grobem Unfug, gefährlichem Halbwissen und massiver Propaganda ist, die das Vertrauen in die Demokratie untergraben und wissenschaftlich informierte Konsensbildung erschweren: Der Digital Market Act und der Digital Services Act sollen es richten. Doch nachdem die US-Regierung unter Donald Trump angedroht hat, diese Regulierung mit Vergeltung in Form von Strafzöllen zu beantworten, sickerte vergangene Woche durch, dass die EU-Kommission dabei ist, einzuknicken. Wie das Handelsblatt berichtete, will sie die amerikanischen Tech-Konzerne nun in einen Ausschuss einbinden, der die Digitalpolitik mitgestalten soll – sprich: aufweichen wird.
Regulierung also reicht nicht mehr aus. Aus dieser Erkenntnis erwächst nun erstmals echter Handlungsdruck. Auf Wirtschaftskonferenzen und in wissenschaftlichen Fachzirkeln wird immer häufiger die "digitale Souveränität" als mögliche Lösung beschworen. Was genau steht hinter diesem Schlagwort? Und was müsste Europa tun, um digital von den USA unabhängig und somit souverän zu werden? Vor allem zwei Wege werden diskutiert: ein wirtschaftsliberaler und ein planetarer. Beide angesiedelt irgendwo zwischen Realismus und Utopie, beide mit dem erklärten Ziel, eigene Clouds, Netzwerke, Datenströme für Europa zu erschaffen.
Der Informatiker Stefan Wrobel ist einer, der für den wirtschaftsliberalen, territorialen Weg steht. Er lehrt in Bonn und leitet das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme. Wrobel ist auch deshalb eine wichtige Stimme im Diskurs, weil er mit Teuken gerade einen KI-Chatbot mitentwickelt und gelauncht hat, der in allen 24 Amtssprachen der EU trainiert wurde, also gewissermaßen europäisch tickt. Den zweiten Weg, die zivilgesellschaftliche und planetare Vorstellung der digitalen Souveränität, hat kürzlich eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern unter dem Namen Democratic and Ecological Digital Sovereignty Coalition ausgearbeitet. Sie zirkuliert vor allem in IT-Kreisen, die sich für freie Software und freies Wissen engagieren, so wie es etwa die Wikipedia tut.
Für Stefan Wrobel bedeutet digitale Souveränität, "dass Europa in der Lage sein muss, an digitaler Wertschöpfung teilzunehmen". Solange es nur um scheinbar unprofitable Nachrichtenplattformen wie Twitter ging, schien dieser Aspekt nebensächlich. Seit der KI-Revolution aber, sagt der Bonner Informatiker, lasse sich nicht mehr übersehen, dass es bei den großen Plattformen von X bis Facebook, WhatsApp und YouTube um viel mehr gehe. "Die Texte, Bilder und Videos, die dort verfügbar sind, werden nicht nur für die Entwicklung von Sprachmodellen genutzt", sagt Wrobel. "Sie spielen generell eine wichtige Rolle bei der Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz, weil sie unseren Alltag und unsere Bedürfnisse widerspiegeln."
Wrobel glaubt, dass mit den weiter wachsenden Fähigkeiten von KI künftig zahlreiche neue Anwendungen möglich sein werden und für Wachstum und Wohlstand sorgen können, wo Menschen intellektuell tätig sind. Bloß auf Regulierung von YouTube, Facebook und X zu setzen, hieße deshalb, sich von zentralen Wertschöpfungsketten der Zukunft abzukoppeln. "Das kann nicht in Europas Interesse sein", sagt der Informatiker.
Auch das noch? - Der freundliche Krisenpodcast: Markus Beckedahl: „Alle Datenspuren können irgendwann gegen uns verwendet werden."
Doch wie kann es in Europa gelingen, eigene große Datenplattformen aufzubauen? Hier hilft ein Blick auf die Pionierphase der großen Internetplayer, um zu verstehen, warum der Kontinent bislang gescheitert ist. Denn es gab ja Versuche. Etwa die deutsche Online-Auktionsseite alando.de, die 1999 an den Start ging. Solche nationalen Lösungen waren allerdings schlicht zu klein, um gegenüber dem amerikanischen Konkurrenten eBay, der auf einem viel größeren Markt entwickelt wurde, zu bestehen. Bereits ein halbes Jahr nach seiner Gründung wurde alando.de deshalb geschluckt. Stefan Wrobel zieht daraus die Lehre, dass der europäische Markt rechtlich noch stärker vereinheitlicht werden muss. Dann könnten die Digitalprodukte gleich auf 450 Millionen EU-Bürger zielen und rasch eine kritische Größe erreichen.
Plattformen wie Social-Media-Kanäle oder Onlineportale allein sind allerdings nur die halbe Miete, wenn es um Souveränität geht. Dazu kommen all diejenigen digitalen Technologien, die benötigt werden, um ein digitales Produkt zu entwickeln und zu betreiben: die Cloud-Infrastruktur, die Rechenzentren. Aber auch so basale Dinge wie transatlantische Unterseekabel für die Datenströme – auch hier ist das meiste in amerikanischer Hand.
Zentral ist dabei, was in der "Cloud" geschieht – eine mittlerweile ziemlich unscharfe Metapher, die eher verwirrt als erhellt. Alltagssprachlich versteht man darunter eine immaterielle Lagerstätte für Daten. Aber die Cloud ist auch eine Fabrikhalle und ein Supermarkt. In ihr werden Digitalprodukte hergestellt und verkauft. Der Streamingdienst Netflix etwa basiert auf der Cloud von Amazon Web Services. Das heißt: Die Videoplattform ist dort mit digitalen Technologien aus der Cloud erstellt worden, und das Endprodukt wird in der Cloud am Laufen gehalten. Selbst der führende europäische KI-Player Mistral greift auf die amerikanischen Cloud-Dienste zurück, weil ihr Prinzip, alles aus einer Hand zu liefern, Wettbewerbsvorteile verschafft.



