ERP-Systeme: Wenn Software den Arbeitsalltag diktiert

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26. November 2025 Marcus Schwarzbach

Headset mit Flügelschrauben an den Hörmuscheln

ERP-Software plant Schichten, überwacht jeden Schritt und verhindert den Abbau von Überstunden – die Digitalisierung verändert Fabriken radikal.

Künstliche Intelligenz (KI) bedroht Arbeitsplätze in verschiedenen Bereichen. Dies betrifft vorwiegend Routinearbeiten. Besonders gefährdet sind Berufe in Verwaltung oder Kundenservice, auch einfache Programmieraufgaben werden verstärkt durch KI übernommen.

Tools wie GitHub Copilot können Code generieren. Microsoft berichtet, dass dort inzwischen rund 30 Prozent des Codes von KI geschrieben werden. Junior-Programmierer werden deshalb weniger gebraucht.

Häufig werden die Veränderungen in der Industrie übersehen. Auch wenn Begriff "Industrie 4.0" aus den Schlagzeilen verschwunden ist, häufen sich Veränderungen in der Produktion.

"Wir sehen den Einfluss von KI bereits in vielen Bereichen der Wirtschaft ganz deutlich. In der Industrie etwa setzen Fertiger und Automobilbauer KI für Qualitätskontrollen, Wartung und Produktion ein."

Benedikt von Kettler, Unternehmensberater

Er nennt das Beispiel BMW: Dort wird KI in der Fertigung eingesetzt – "von vorausschauender Wartung der Maschinen bis zur automatisierten Erkennung winziger Staubpartikel in der Lackiererei. Das erhöht die Qualität und Effizienz".

KI ist "Schlüsseltechnologie für die industrielle Produktion der Zukunft", schreibt Tim Hornung, Leiter des Teams Produktionsmanagement beim Institut Fraunhofer IAO in Stuttgart. Von der intelligenten Fehlererkennung bis zur vorausschauenden Instandhaltung sieht er Potenzial.

Tiefgreifende Veränderungen in der Produktion

Industrie 4.0 ist der Name eines von der Bundesregierung geförderten Forschungsprogramms. Arbeitswissenschaftler verbinden damit eine völlig veränderte Arbeitswelt: Kernstück ist eine rundum vernetzte und voll automatisiert gesteuerte Produktion.

Häufig wird von einer Smart Factory gesprochen. Entscheidungen darüber, was zu welchem Zeitpunkt an welchem Ort und mit welchen Werkzeugen gefertigt wird, sollen künftig technologisch automatisiert an vielen Stellen direkt in der Produktion fallen.

Trotz vollmundiger Ankündigungen seit 2011 sind heute nur Elemente einer Industrie 4.0 umgesetzt.

"Doch insbesondere kleine und mittlere Unternehmen kämpfen damit, verwertbare Erkenntnisse aus ihren Daten zu gewinnen. Ein häufiger Grund: Es fehlt an Kompetenzen und Strukturen für den KI-Einsatz und an skalierbaren Einstiegsanwendungen."

Tim Hornung

Auch Big Data sorgt für Probleme – häufig fehlen Strukturen bei großen Datenmengen. 61 Prozent der befragten Unternehmen haben Schwierigkeiten, "aus ihrer Vielzahl an Datenquellen tatsächlich verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen", berichtet Hornung.

Tiefgreifende Veränderungen erfolgen jedoch auf verschiedenen Ebenen der Produktion.

KI kommt in der Qualitätsprüfung der Fertigung zum Einsatz:

"Früher standen hier Mitarbeiter am Band und sichteten Produkte auf Fehler; heute übernehmen Kameras mit Bilderkennungs-KI diese Aufgabe. Ein KI-System erkennt etwa Fehlstellen oder Abweichungen in Sekundenschnelle und sortiert fehlerhafte Teile aus, oft zuverlässiger als das menschliche Auge."

Benedikt von Kettler

Enterprise-Ressource-Planning-Systeme steuern Arbeiter

Umgesetzt werden zunehmend Enterprise-Ressource-Planning-Systeme (ERP). ERP steuert Geschäftsprozesse in einem Industrieunternehmen. Es enthält Module für die Bereiche Produktion, Vertrieb, Logistik und Rechnungswesen, die über eine gemeinsame Datenbasis miteinander verbunden werden. Mit einer Personaleinsatzplanung per ERP-Software sollen Schwankungen beim Personalbedarf errechenbar sein.

Ausgehend von Vergangenheitsdaten zur Prognose des künftigen Arbeitsvolumens wie Aufträge, zu produzierende Stückzahlen, prognostizierte Planumsätze oder Ergebnisse von Kundenfrequenz-Messungen entsteht eine Vorausberechnung. Dieser "Forecast" ist dann Basis für die Personaleinsatzplanung.

Weitgehende Auswirkungen eines ERP-Systems

Die neue Technik erleichtert die Überwachung der Beschäftigten. "Pick By Voice" findet in Betrieben zunehmend Anwendung. Es ist ein Sprachsteuerungssystem zur Optimierung von Kommissionierarbeiten.

Die Beschäftigten arbeiten lediglich mit einem Headset, über das sie Anweisungen erhalten. Das Arbeiten mit Papierlisten fällt weg, die Bearbeitung wird beschleunigt, die Überwachung jeder Bewegung auf dem Firmengelände erleichtert.

Aber nicht nur so werden Beschäftigte unter Druck gesetzt. Das ERP-System kann auch Auswirkungen auf die Arbeitszeitplanung haben.

Arbeitszeitkonten sind in vielen Betrieben verbreitet. Oft werden wegen hohen Arbeitspensums und zu niedriger Personalbesetzung kontinuierlich Stunden auf den Arbeitszeitkonten angespart – es besteht aber keine Möglichkeit, freie Tage zu entnehmen.

Dies führt dazu, dass Beschäftigte auf einem Arbeitszeitkonto mehrere Hundert Stunden Arbeitszeit gebucht haben, ohne diese angesparte Arbeitszeit durch Freizeit ausgleichen zu können.

Eine Angleichung der Arbeitszeiten an schwankende Kundennachfragen durch ERP-Systeme ist häufig Ziel des Unternehmens. Es wird von "Arbeit on demand" gesprochen, was eine Ausweitung der Arbeitszeiten und permanente Rufbereitschaft zur Folge haben kann.

Das Arbeitsschutzgesetz soll die Arbeitsbedingungen humaner gestalten. Ein wichtiges Element ist die regelmäßige Kontrolle. Durch eine Gefährdungsbeurteilung im Betrieb sollen Gefahren aus Sicht der Beschäftigten ermittelt werden. Das kann die Unfallverhütung sein, aber auch Stress am Arbeitsplatz.

Kontrollen werden vernachlässigt

Dabei muss der Betrieb ermitteln, welche Risiken für die Gesundheit der Beschäftigten bestehen. Und dann festlegen, welche Maßnahmen zum Gesundheitsschutz erforderlich sind, also was gegen die Gefährdungen unternommen wird. Ein Drittel aller Betriebe nimmt aber gar keine Gefährdungsbeurteilungen vor. Das geht aus einer Mitteilung des Bundesministeriums für Arbeit hervor.

Gewerkschaften fordern seit Jahren vergeblich, dass Kontrollen durch die Arbeitsschutzbehörden kontinuierlich erfolgen müssen. Die Veränderungen in der Industrie machen deutlich, wie wichtig dies wäre.

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