Die geteilte Intelligenz – was wir der KI überlassen, und was nicht

2 months ago 4
Grafik zeigt ein "Denkerteam" zusammengestellt aus der berühmten Skulptur "Der Denke" von Rodin. Über einer der Figuren leuchtet ein Licht.

Bild: Shutterstock.com

Noch nie war Wissen so leicht zugänglich. KI kann auch neue Kompetenzen fördern, sagt die Forschung. Wie viel wollen wir selbst noch denken?

Der Begriff "De-Skilling" beschreibt den Verlust von Fähigkeiten durch übermäßige Technologienutzung. Man kennt die Bedenken, etwa wenn es um Orientierungsfähigkeit und Navigationshilfen geht.

Besonders ausgeprägt sind die Sorgen vor dem Verlust wichtiger, kritischer kognitiver Kompetenzen, wenn es um die immer häufigere Anwendung von KI geht.

Diese Sorge ist nicht neu. Bereits Sokrates warnte vor der Schrift, sie würde das Gedächtnis schwächen. Später fürchteten Ingenieure, Taschenrechner könnten den Zahlensinn abstumpfen. Der Philosoph Kwame Anthony Appiah von der New York University erklärt in einem Artikel für The Atlantic:

Jede Generation musste lernen, mit ihren neu erworbenen kognitiven Prothesen zu arbeiten.

Studien belegen negative Effekte

Aktuelle Forschung zeigt jedoch konkrete Risiken. Eine britische Studie mit mehreren hundert Teilnehmern, die Appiah zitiert, ergab: Jüngere Menschen, die KI häufiger für Informationssuche und Entscheidungen nutzen, schnitten schlechter bei Tests zum kritischen Denken ab. Die Quintessenz: "Use it or lose it" – wer Fähigkeiten nicht nutzt, verliert sie.

Eine MIT-Studie untersuchte 54 Erwachsene beim Schreiben von Essays. Teilnehmer, die ChatGPT verwendeten, zeigten deutlich geringere kognitive Aktivität im Gehirn.

Als sie später ohne KI arbeiten mussten, konnten sie sich schlechter an ihre eigenen Texte erinnern und fühlten sich weniger verantwortlich für ihre Arbeit. Die Forscher sprechen von "kognitiver Verschuldung".

Besonders alarmierend sind Befunde aus der Medizin. Eine in The Lancet veröffentlichte Studie untersuchte über 1.400 Darmspiegelungen in Polen.

Nach monatelanger KI-Unterstützung sank die Erkennungsrate von Polypen ohne KI-Hilfe um 20 Prozent – von 28,4 auf 22,4 Prozent. Dr. Marcin Romańczyk von der Academy of Silesia warnt: "Dies ist die erste Studie, die einen negativen Einfluss regelmäßiger KI-Nutzung auf medizinische Fähigkeiten zeigt."

KI als Chance für neue Kompetenzen

Dennoch hat KI auch positive Seiten. Eine Harvard-Studie mit Physikstudenten, die Appiah in seinem Atlantic-Artikel zitiert, kommt zum Ergebnis, dass KI-gestützte Tutoren zu besseren Lernergebnissen als traditioneller Unterricht führten. Die Studenten lernten nicht nur mehr, sondern arbeiteten auch motivierter.

KI kann Fähigkeiten "demokratisieren", lautet ein anderes Pro-Argument, das der Philosoph anführt. Für Forscher, die mit Englisch kämpfen, können Chatbots beim Verfassen wissenschaftlicher Texte helfen und sie "glätten". Auch würden komplexe Berechnungen dank KI zugänglicher werden, sodass mehr Menschen "die Mathematik machen" können.

Experten unterscheiden zwischen schädlichem "erosivem De-Skilling" und produktivem "Reskilling". Während das erste grundlegende Fähigkeiten schwächt, ermöglicht das zweite neue Kompetenzen. Programmierer, die GitHub Copilot nutzen, verbringen weniger Zeit mit Code-Erstellung, aber mehr mit dessen Prüfung - die Expertise wandert von der Komposition zur Supervision.

Bildung muss sich anpassen

Britische Bildungsbehörden haben bereits reagiert. Das Department for Education veröffentlichte Leitfäden für den sicheren KI-Einsatz in Schulen.

Eine bundesweite deutsche Studie zeigt: Über 90 Prozent der Studierenden nutzen bereits KI-Tools.

Forscher der Universität von Südaustralien argumentieren, dass Bildung wie bei der Einführung von Taschenrechnern reagieren muss: Die Anforderungen müssen steigen, damit KI zu einem notwendigen Werkzeug wird, statt Denkarbeit zu ersetzen.

Gefahr der Entmenschlichung

Die größte Sorge gilt dem Philosophen Appiah das sogenannte konstitutive De-Skilling. Gemeint ist der Verlust dessen, was uns menschlich macht. Appiah warnt: "Urteilskraft, Vorstellungskraft, Empathie, das Gefühl für Bedeutung und Proportion – das sind keine Backups, sondern tägliche Übungen."

Eine Studie der EPFL zeigte, dass GPT-4 in personalisierten Debatten Menschen um 81 Prozent häufiger überzeugte – wobei hier der Genauigkeit willen anzumerken ist, dass sich die Zahl der 81,2 Prozent auf den "relativen Anstieg der Odds (Wahrscheinlichkeit) für eine höhere Zustimmung nach der Debatte" bezieht.

Beunruhigend erscheint in diesem Kontext: Die KI nutzte bereits minimale persönliche Daten effektiver als menschliche Debattierer.

Die Lösung liegt nach dem Tenor, der gegenwärtig aus vielen Berichten und Stellungnahmen herauszuhören ist, nicht im Verzicht auf KI, sondern in bewusster Gestaltung der KI-Anwendungen.

Appiah betont: "Wenn es eine Fähigkeit gibt, die wir uns nicht leisten können zu verlieren, dann die Fähigkeit zu wissen, welche von ihnen zählt." Die Herausforderung bestehe also darin, KI als Werkzeug zu nutzen, ohne unsere Menschlichkeit zu verlieren.

Was er damit meint?

Verschwinden könnte das stumme, verkörperte Wissen, das unser alltägliches Unterscheidungsvermögen trägt.

Wenn Menschen lernten, Fragen so zu stellen, wie das System sie bevorzugt, und aus seinem Menü plausibler Antworten zu wählen, nähme der Schaden nicht die Form spektakulärer Fehlurteile an, sondern einer allmählichen Ausdünnung unseres Charakters: flachere Gespräche, weniger Appetit auf Mehrdeutigkeit, ein Abdriften zu automatischer Phrasierung, wo wir einst nach dem treffenden Wort suchten, die stille Ersetzung von Gewandtheit anstelle von Verständnis.

Solche Vermögen auszulagern, hieße, uns selbst auszulagern. Sie zu verlieren, veränderte nicht nur, wie wir arbeiten; es veränderte, wer wir sind.

Kwame Anthony Appiah
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