Deutschland auf Platz 12 – Warum die Konkurrenz längst überholt

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25. November 2025 Matthias Lindner

 Deutschland und Innovationen sind nicht identisch.

(Bild: xtock / Shutterstock.com)

Rang 12 im Innovationsranking – und das seit Jahren. Während andere Länder aufholen, stagniert Deutschland. Was läuft schief?

In den Entwicklungsabteilungen deutscher Tech-Unternehmen herrscht eine paradoxe Stimmung. Die Forschung läuft auf Hochtouren, die Patente stapeln sich – doch am Ende landen die Innovationen zu oft in den Schubladen statt auf dem Markt.

„Deutschland ist Weltspitze in der Forschung, aber Mittelmaß bei der wirtschaftlichen Verwertung“, fasst der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) die Situation zusammen. Andere Länder schafften es dagegen besser, Forschungsergebnisse in Marktanteile umzusetzen.

Der neue "Innovationsindikator 2025" bestätigt nun schwarz auf weiß: Deutschland tritt auf der Stelle, während die Konkurrenz davonzieht.

Wo Deutschland zurückfällt

Die Zahlen sind eindeutig. Während die USA, Großbritannien und Frankreich im Ranking deutlich zulegen, verharrt Deutschland auf Platz 12.

Angeführt wird das Ranking von kleineren, aber hoch spezialisierten Ländern, wie es bei Reuters heißt. Gemeint sind Schweiz, Singapur und Dänemark, welche die vorderen Plätze im Ranking belegen.

Für Deutschland ist aber besonders alarmierend, dass es bei den digitalen Schlüsseltechnologien zurückfällt.

Die kritischen Schwachstellen im Detail:

  • Platz 7 bei digitaler Hardware – zu wenig Innovationsdynamik bei Chips und Sensoren
  • Platz 10 bei digitalen Netzwerken – schwache Position in 5G, IoT und Cloud-Infrastrukturen
  • Platz 15 bei Biotechnologie – Abkopplung von einem der wichtigsten Zukunftsmärkte
  • Nur 61 Prozent Kommerzialisierungseffizienz – exzellente Forschung verpufft ohne Markterfolg

Dafür gibt es einen Grund: Zwar investieren deutsche Unternehmen in Forschung und Entwicklung – aber Länder wie die USA oder China treiben die Digitalisierung viel entschiedener voran.

Und das schwächt Industrien wie den Maschinen- und Automobilbau, die bislang als Stärken Deutschlands galten. Weil auch sie nicht ausreichend auf computerimplementierte Erfindungen setzt – also auf technische Neuerungen, die nur mithilfe von spezieller Software und Computern funktionieren –, verliert sie an Position.

Exkurs: Warum Digitalisierung über Wettbewerbsfähigkeit entscheidet

In Zukunft könnten dadurch auch viele weitere Branchen ins Hintertreffen geraten, da nahezu alle von digitalen Technologien durchdrungen sind. Zum Problem wird es für die deutsche Wirtschaft nicht nur, weil sie Marktanteile verliert – sie verliert auch zunehmend die Fähigkeit, überhaupt künftige Innovationen entwickeln zu können.

Andere Länder machen es vor und investieren massiv in Künstliche Intelligenz, Cloud-Computing und digitale Infrastruktur. Deutschland bleibt sich dagegen weitgehend treu und kämpft noch mit:

  • Bürokratie: Langwierige Genehmigungsverfahren bremsen Start-ups und etablierte Unternehmen gleichermaßen.
  • Fehlende Foundation Models: Deutschland entwickelt keine eigenen KI-Basismodelle – und wird so abhängig von ausländischen Anbietern.
  • Wagniskapitalmangel: Während in den USA Milliarden in Tech-Start-ups fließen, fehlt es hierzulande an Risikokapital für Skalierung.

Das europäische Paradoxon: Spitzenforschung ohne Markterfolg

Die Bundesrepublik zeigt laut BDI-Auswertung ein strukturelles Problem: Zwar wird Wissen auf Weltklasse-Niveau generiert, aber es fällt der Wirtschaft schwer, es auch in wirtschaftlichen Erfolg zu verwandeln.

Mit diesem Problem steht Deutschland aber nicht allein da, auch andere EU-Volkswirtschaften hinken bei der Kommerzialisierung ihrer Forschung hinterher. Laut BDI wird das auch als „europäisches Paradoxon“ bezeichnet.

Zum Vergleich:

  • USA: 100 % Wissensgenerierung, 100 % Kommerzialisierung
  • Singapur: 32 % Wissensgenerierung, 100 % Kommerzialisierung
  • Deutschland: 100 % Wissensgenerierung, 61 % Kommerzialisierung

BDI-Präsident Peter Leibinger fordert deshalb ein Umdenken: „Wir müssen uns Großes zutrauen. Wir sollten uns vornehmen, führend in der KI für die Industrie zu werden. Dafür müssen wir die notwendigen Foundation-Models selbst entwickeln.“

Was das für digitale Fachkräfte bedeutet

Die Stagnation hat direkte Konsequenzen für den Tech-Arbeitsmarkt:

  • Jobverlagerung: Wenn Innovationen nicht in Deutschland umgesetzt werden, entstehen die hochqualifizierten Arbeitsplätze anderswo – hauptsächlich in den USA und Asien
  • Kompetenzlücke: Fehlende Investitionen in digitale Hardware und KI-Infrastruktur bedeuten weniger Projekte, an denen Fachkräfte cutting-edge Technologien lernen können
  • Brain-Drain: Top-Talente wandern dorthin ab, wo ambitionierte Tech-Projekte realisiert werden – nicht nur geplant

Gleichzeitig zeigt der Absturz im Nachhaltigkeitsindex von Platz 3 auf Platz 7, dass selbst vermeintliche Stärken bröckeln. China holt massiv auf und springt von Platz 20 auf Platz 5 – getrieben durch massive Investitionen in grüne Technologien.

Die entscheidende Frage für Deutschlands Tech-Zukunft lautet nun: Schafft es das Land, seine Forschungsexzellenz endlich in marktfähige Produkte und zukunftssichere Jobs zu übersetzen – oder wird der Rückstand in den digitalen Schlüsseltechnologien so groß, dass selbst die besten Fachkräfte keine Perspektive mehr sehen?

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