Der Tag, an dem der Spiegel die KI vergaß

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Tastatur mit Spiegel-Logo und KI-Logo

Plötzlich tippt eine Maschine mit – und verrät sich selbst. Ein Ausrutscher oder ein Blick in die Zukunft des Journalismus? Die Medienkolumne über eine Woche voller Offenbarungen.

Eine Woche voller Offenbarungen: vom ZDF, das eigene Betroffenheit verschweigt, über den Spiegel, der seine KI-Nutzung unfreiwillig offenlegt, bis zu einer Gesellschaft, die über ein "Stadtbild" streitet.

Qualitätskriterium: Transparenz

Die USA entziehen sechs Ausländern das Visum – diese Nachricht schaffte es kürzlich wohl in die meisten Nachrichtenmedien. Auch das ZDF berichtete in Text und Ton.

Betroffen davon ist auch eine deutsche Person, wie das US-Außenministerium auf der Plattform X mitteilte.

Der Vorwurf: Die Person habe Kirks Tod gefeiert und versucht, seine Tötung zu rechtfertigen, indem sie in sozialen Netzwerken geschrieben habe: "Wenn Faschisten sterben, beschweren sich Demokraten nicht."

Nähere Angaben zu der Person machte die US-Regierung nicht.

ZDF heute

In den Beitrag war sogar ein X-Post des "Department of State" eingebunden. Wenn man diesen aufruft, findet man weitere sieben zugehörige Kurznachrichten, von denen sechs jeweils einzeln die dem Visums-Entzug zugrundeliegende Äußerung zitieren.

A German national celebrated Kirk’s death and attempted to justify his murder, writing "when fascists die, democrats don’t complain." Visa revoked.

State Department auf X

Der beanstandete Originalpost ist als Bild eingebunden, Profilbild und Profilname sind dabei geschwärzt.

Damit ist es selbst für den Fall, dass in der ZDF-Nachrichtenredaktion bis dahin noch niemand etwas von dieser Äußerung mitbekommen haben sollte, ein Leichtes, den Urheber zu finden.

Zumindest aber könnte man dann den Post korrekt zitieren, anstatt "complain" einfach irgendwie ins Deutsche zu übersetzen.

ZDF-Mann Mario Sixtus

Zugegeben: Den Satz könnten auch andere Accounts verbreitet und damit den Widerruf ihres Visums verursacht haben. Deshalb ist es nicht grundlegend zu beanstanden, wenn ausgerechnet Bild zurückhaltend formuliert:

Der ZDF-Drehbuchautor und Publizist Mario Sixtus (60) postete im Netzwerk "BlueSky" nur Stunden nach dem Attentat: "Wenn Faschisten sterben, jammern Demokraten nicht." In einem weiteren Post fragte er, worin sich ein Politiker, der gegen strengere Waffengesetze kämpft und erschossen wird, von einem Dealer unterscheide, der an seinem eigenen Stoff stirbt.

Ob er der Betroffene ist, bleibt offen. Das Außenministerium nannte keinen Namen und machte auch den Absender unkenntlich.

Bild

Denn hier selbstständig etwas weiterzusuchen und ggf. den mutmaßlich Betroffenen direkt zu befragen, ist Recherche für Fortgeschrittene.

Beim ZDF ist die Sache deshalb besonders irritierend, weil es sich eben um einen Mitarbeiter handelt. Mithin liegt ein Interessenskonflikt vor, der nach dem Transparenzgebot zu offenbaren wäre.

Anders formuliert: So wünschenswert es ist, dass sich Medienunternehmen vor ihre (freien) Mitarbeiter stellen, auch wenn sie mal Quatsch gemacht haben, so sehr liegt der Nachrichtenwert für ZDF-Kunden gerade in der eigenen Betroffenheit, durch die aus "einem Deutschen" "einer von unserem Sender" wird.

Dauerthema: KI im Journalismus

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) beschäftigt den Journalismus permanent, in mindestens dreierlei Weise. Erstens gibt es täglich etwas über Entwicklung, Nutzung und Reglementierung der Technik zu berichten.

Zweitens wird KI im Journalismus selbst genutzt. Und drittens ist letzteres wiederum ein Thema für den Medienjournalismus.

Ungeklärt ist bisher, in welcher Form die Nutzung von KI im Journalismus transparent gemacht werden muss.

Der deutsche Pressekodex verlangt bisher keine explizite Kennzeichnung von KI-generierten oder von KI-bearbeiteten Beiträgen.

Er betont nur, dass die presseethischen Anforderungen für alle redaktionellen Veröffentlichungen gelten, "unabhängig von der Art und Weise der Erstellung".

Peinliche Offenbarung

Der Spiegel hat seine KI-Nutzung letzte Woche unfreiwillig öffentlich gemacht – und damit erstmal viel Raum für Spekulationen gelassen.

Denn unter einem kurzen Beitrag vom 22. Oktober 2025, datiert auf 10:39 Uhr, fand sich als letzter Absatz der folgende, sprachlich nicht ganz korrekte:

Wenn du magst, passe ich Ton und Detailtiefe (z. B. nüchterner Nachrichtenstil vs. magaziniger) oder markiere dir die konkreten Änderungen im Vergleich zum Original.

Archiv-Version

Der Spiegel hat gar nicht erst versucht, dies als Gag zu verkaufen. Zunächst erschien unter einer späteren Version ein Korrekturhinweis, in dem es unter anderem hieß:

Eine frühere Version dieser Meldung enthielt wegen eines produktionstechnischen Fehlers den Hinweis eines KI-Tools, das wir gelegentlich zur Überprüfung unserer eigenen Texte einsetzen.

Spiegel

KI-Regeln beim Spiegel

Zwei Tage später erschien ein ausführlicheres Statement. Darin versichert der Spiegel, Artikel würden nicht von KI geschrieben.

Die SPIEGEL-Redaktion nutzt intern freigegebene KI-Werkzeuge als Hilfsmittel, beispielsweise für eine Rechtschreib- und Grammatikprüfung, für Suchen im Archiv oder für Datenrecherchen.

Spiegel

In diesem Statement werden auch die seit April 2025 beim Spiegel gültigen Regeln für KI-Einsatz veröffentlicht. Demnach kann sie unter anderem für eine erste Redigatur, für Übersetzung, Transkription, Video- und Audioschnitt genutzt werden.

Nicht gestattet ist demnach, "Artikel maßgeblich von einer KI schreiben oder umschreiben (zu) lassen". Ebenso dürfen keine fotorealistischen Bilder für die Berichterstattung generiert oder mit KI bearbeitet werden.

Zur Transparenz gibt es zwei kurze Punkte:

1. Kolleginnen und Kollegen offenlegen, inwiefern KI eingesetzt wurde. 2. Leserinnen und Lesern offenlegen, wenn KI maßgeblicher Teil einer Recherche ist.

Spiegel

Zum Weiterlesen

Zur Vertiefung der Debatte sei auf einen Beitrag beim Handelsblatt verwiesen, der den Spiegel-Text in Sachen Recherche für mustergültig hält.

Zu KI bei Nius ist im März 2025 eine Kritik bei Übermedien erschienen.

Wie vorbildlich die kleine norwegische Zeitung iTromsø KI einsetzt, um zu überleben, steht in einer sehr langen Reportage – beim Spiegel.

Kurz kommentiert: Stadtbild-Debatte

Dass ein Halbsatz von Bundeskanzler Merz für große mediale Erregung und sogar Demonstrationen sorgt, zeigt weniger die sprachliche Unbeholfenheit des Kanzlers (ntv) als vielmehr die Verständigungslosigkeit unserer Gesellschaft.

(...), aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem (...).

Friedrich Merz, 21. Oktober 2025

Wenn jemand mit egal was ein Problem hat, dann lässt sich dagegen nicht demonstrieren. Man kann in Gesprächen – auch öffentlichen bzw. medial vermittelten – versuchen, Lösungswege für ein Problem zu entwickeln. Man kann auch andere Sichtweisen anbieten. Aber was danach als Problem gesehen wird, kann nur jeder selbst für sich entscheiden, niemals für andere.

Probleme können individuell sein

Stellen wir uns vor, jemand diagnostizierte: Ein Land, in dem jährlich mehr als fünf Millionen Menschen an einer unipolaren oder anhaltenden depressiven Störung erkranken, hat ein Problem.

Löst sich diese Diagnose dann durch heftigen Widerspruch in Luft auf? Würde es etwas ändern, wenn Hunderttausende auf die Straße gehen und skandieren: "Wir sind nicht depressiv"?

Ist es nur Desinteresse am oder schon Unfähigkeit zum Verstehen, wenn nun Frauen jeden Alters ihre Stimme als Töchter erheben (Tagesschau), weil Merz einem Journalisten geraten hatte, für die Interpretation seines Stadtbild-Problems mal die Töchter zu fragen? (Hilfestellung: Merz riet nicht, die Ehefrau, Mutter oder Oma zu fragen.)

In Niedersachsen haben sich unter anderem die Omas gegen Rechts Hannover kritisch geäußert. Gewalt gegen Frauen, die angesprochenen Töchter, passiere nicht auf der Straße, sondern im häuslichen Umfeld: Nicht Männer mit Migrationshintergrund seien das Problem, sondern einfach Männer.

NDR

Ist das nicht schönster Whataboutism – gegen den ich gar nichts habe, der aber eben häufig als Vorwurf der Unredlichkeit eines Arguments genutzt wird?

Ein Halbsatz des Kanzlers genügt, und Hunderttausende tun ihr Empfinden zu "dem Stadtbild" kund. Der Journalismus selektiert daraus, was ihm verwertbar erscheint. Und danach?

Werden wir wie so oft keinen Millimeter weitergekommen sein. Meine Freunde und ich haben recht, die anderen sind Spinner, die die Gesellschaft spalten.

Schnelldurchlauf

* Pressefreiheit. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat ein Unterlassungsbegehren gegen Die Welt zurückgezogen, nachdem der Verlag Klage eingereicht hatte.

Investigativ-Reporter Tim Röhn hatte sich zur Auskunftsfreudigkeit der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft im Fall einer Personenverwechslung geäußert, in deren Folge ein Unschuldiger im Krankenhaus gelandet war. Ausführlich bei Welt.

* KI-Nutzung. Die FAZ hat ihren ersten KI-generierten Podcast gestartet (Meedia): das Rhein-Main Feierabendbriefing.

* Strafrecht. Die Hausdurchsuchung bei Norbert Bolz wegen eines X-Posts hat eine grundsätzliche Debatte über die Verhältnismäßigkeit angestoßen.

In der Welt schlägt Benjamin Stibi eine juristische Konkretisierung verbotener Parolen und Symbole vor.

Und im Interview mit LTO sagt Prof. Tatjana Hörnle, Direktorin am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht in Freiburg:

Eines der Phänomene unserer Gesellschaft ist, bei kritikwürdigen Äußerungen immer direkt an die Strafbarkeit zu denken. Damit müssen wir aufhören. Das Strafrecht ist nicht die moralische Superinstanz, für die viele es halten.

* Urheberrecht. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wird seit zwei Wochen vorgeworfen, in seiner früheren Verleger-Tätigkeit für Textklau verantwortlich gewesen zu sein.

Ausgehend von einem Beitrag Alexander Wallaschs haben inzwischen zahlreiche mehr oder weniger prominenten Menschen festgestellt, dass sie auf Weimers Debattenmagazin The European mit Beiträgen als Autoren geführt wurden, ohne bis dato davon gewusst zu haben.

Ob es sich bei den Veröffentlichungen um erlaubte Übernahmen handelt, ist noch nicht ausgemacht. Mehrere Betroffene haben angekündigt, juristische Schritte einzuleiten. Wolfram Weimer hat sich bisher nicht geäußert (Zeit), zum größeren Skandal ist die Sache noch nicht avanciert. Aber Potential hat sie.

So sollen Webseiten bei The European im Quellcode die Anweisung enthalten haben, nicht von Suchmaschinen aufgenommen zu werden.

Das könnte erklären, warum Alice Weidel oder Alexander Dobrindt erst jetzt erfahren haben, mit Texten von sich dort vertreten gewesen zu sein.

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