Neue Konkurrenz aus China: Diskussionen über DeepSeeks neuestes KI-Modell sorgen in der Techwelt für viel Wirbel
Foto: Greg Baker / AFPDie Debatte um das chinesische KI-Start-up DeepSeek zieht Techwerte am Montag teils deutlich nach unten. Am deutschen Markt verloren Aktien wie Aixtron, Siltronic, Süss Microtec, Kontron und Infineon teilweise 5 bis 10 Prozent an Wert.
Für den niederländischen Chipmaschinenhersteller ASML ging es um knapp 10 Prozent bergab. Auch an der japanischen Börse gerieten die Halbleiterindustrie-Ausrüster Tokyo Electron mit knapp minus 4 Prozent und Advantest mit einem Absturz um 9 Prozent deutlich unter Druck. Aktien des Techinvestors Softbank, der Datencenter für OpenAI baut und den Chipentwickler Arm kontrolliert, fielen ebenfalls um 8 Prozent.
Druck auch an der Wall Street: Für den technologielastigen US-Index Nasdaq 100 zeichneten sich Verluste von 3 Prozent ab. Allerdings hatte der Index 2024 auch um rund 25 Prozent zugelegt, nach einem Anstieg um mehr als 50 Prozent im vorangegangenen Jahr 2023.
Der Grund für die Turbulenzen: Am Wochenende kochten Diskussionen über DeepSeeks neuestes KI-Modell immer weiter hoch, da es kosteneffizient sein soll und womöglich mit weniger starken KI-Chips auskomme, als die großen KI-Modelle der etablierten Anbieter. In den App-Store-Downloads von Apple ist das KI-Modell, das erst vorige Woche auf den Markt kam, bereits an die Spitze vorgedrungen. Experten wollen die jüngsten Entwicklungen zwar nicht überbewerten. Gleichwohl könnte die Debatte eine Konsolidierung der teils hohen Bewertungen im Tech-Bereich auslösen, so ein Börsianer.
Nvidia könnte wegen DeepSeek Spitzenplatz an der Börse verlieren
Bei den US-Einzelwerten sackte Nvidia im vorbörslichen Handel um 10 Prozent ab. Damit droht Nvidia, den Status als wertvollstes börsennotiertes Unternehmen wieder an den iPhone-Konzern Apple zu verlieren, dessen Aktien vorbörslich um etwas mehr als ein Prozent nachgaben. Der Softwareriese Microsoft, für dessen Papiere sich ein Minus von 3,5 Prozent abzeichnete, bliebe mit einer Marktkapitalisierung von dann noch knapp 3,2 Billionen Dollar auf Platz 3 knapp hinter Nvidia (gut 3,2 Billionen Dollar) sowie Apple (knapp 3,3 Billionen Dollar).
Die Alphabet-Aktie steht vorbörslich bei minus 4 Prozent, bei Meta sind es 4,6 Prozent, bei AMD 5 Prozent, bei Microsoft 6 Prozent und bei Broadcom wird sogar mit einem Absturz um 11 Prozent gerechnet.
Im Dax fielen zudem Infineon und Siemens jeweils um mehr als 4 Prozent. Auch Papiere aus dem Energiebereich litten, nachdem in den vergangenen Monaten der steigende Strombedarf der rechenintensiven KI-Systeme teils kräftigen Rückenwind verliehen hatten.
Einer der größten Leidtragenden war Siemens Energy, die von ihrem Rekord am Freitag bei über 60 Euro um bis zu 20 Prozent abstürzten. Seit Ende 2023 hatten sie sich bis Freitag aber auch gut verfünffacht. Da half es bei Siemens Energy auch nicht, dass Analyst Alexander Virgo von der Bank of America zum Wochenstart angesichts des vom neuen US-Präsidenten Donald Trump (78) ausgerufenen Energienotstands eine Kaufempfehlung mit einem Ziel von 80 Euro aussprach.
Was kann das neue KI-Modell DeepSeek R1?
Auslöser für all die Aufregung ist das neue KI-Modell DeepSeek R1, das auf komplexe Problemlösungen ausgelegt ist. Es soll deutlich kostengünstiger sein und mit weniger starken Chips auskommen als die großen KI-Modelle der etablierten US-Anbieter.
Der US-amerikanische Softwareentwickler Marc Andreessen (53), der auch als Berater von Präsident Trump tätig ist, bezeichnete das neue KI-Modell in einem X-Post als einen der „spektakulärsten und beeindruckendsten Durchbrüche“, die er je gesehen habe. Er sprach sogar davon, dass es für OpenAI nun eine Art „Sputnik-Moment“ gebe – in Anlehnung an den sogenannten „Sputnikschock“, den die Sowjetunion 1957 ausgelöst hatte, indem sie als erste Nation der Welt Satelliten in die Erdumlaufbahn gebracht hatte.
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Die Entwicklung von DeepSeek R1 wurde von Liang Wenfeng geleitet, einem chinesischen Hedgefonds-Manager, der zuletzt zum Gesicht der KI-Ambitionen Chinas geworden ist. Wenfeng traf sich erst vor Kurzem mit dem chinesischen Premierminister, um über weitere Chancen im Bereich künstlicher Intelligenz zu sprechen.
Spezialisten zufolge kann die KI-Technologie von DeepSeek zwar noch nicht ganz mit der von OpenAI und Google mithalten, gerade aufgrund seiner Kostenvorteile sei es aber ein ernst zu nehmender Konkurrent.
Mitul Kotecha von der britischen Großbank Barclays kommentierte die aktuellen Entwicklungen gegenüber der „Financial Times “ mit den Worten: „Offenbar erkennt man langsam, dass China nicht untätig herumsitzt, auch wenn Investitionsbeschränkungen für Technologieunternehmen eingeführt wurden.“
Experten halten Börsenreaktion für übertrieben
„Das Weltuntergangszenario, das gerade im Twitter-Universum verbreitet wird, scheint übertrieben“, schreiben die Experten um Stacy Rasgon von Analysehaus Bernstein Research. Die KI-Modelle von DeepSeek seien gut und böten eine gute Leistung, allerdings sei OpenAI garantiert nicht für 5 Millionen US-Dollar nachgebaut worden. Zudem überrasche die Effizienz von DeepSeek-V3 nicht angesichts des verwendeten Modellaufbaus. Diese sogenannte Mixture-of-Expert (MoE)-Architektur sei darauf ausgelegt, die Kosten für Training und Betrieb von KI-Modellen zu reduzieren, da immer nur ein Teil der Modellparameter aktiv sei.
Dass die aktuellen Entwicklungen Investoren dennoch nervös machten, basiert laut Rasgon und Kollegen auf einem Missverständnis mit Blick auf die Kosten für das jüngste DeepSeek-Modell. Weitere Gründe seien, dass DeepSeek kleinere Modelle aus größeren extrahiere sowie die niedrigen Preise, die es für die Nutzung seiner Programme aufrufe.
Der erste Sorgenfaktor erscheine grundsätzlich falsch, da das Unternehmen keine revolutionären oder unbekannten Technologien verwendet habe, so die Experten. Der zweite Punkt sei schon interessanter, aber auch nichts Neues, wenngleich die Berechtigung des Ansatzes untermauert worden sei.
Die Investorensorgen angesichts der Preise, die DeepSeek verlangt, seien allerdings nicht von der Hand zu weisen. Zwar sei die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens unklar, aber die Sache werfe Fragen über die Rolle und Lebensfähigkeit von proprietären KI-Modellen im Vergleich zu Open-Source-Ansätzen auf.
Grund zur Panik sei all das aber dennoch nicht, denn angesichts der rasant steigenden Kosten für den weltweiten KI-Ausbau seien Innovationen wie die von DeepSeek notwendig. Diese Innovationen gingen zudem wohl kaum über das hinaus, was Top-KI-Entwickler nicht auch wüssten. Und: Im Techsektor sorgten Effizienzzuwächse normalerweise für ein Nachfragewachstum

