Lange Zeit sah es so aus, als wären die USA beim Rennen um künstliche Intelligenz uneinholbar. Seit ein paar Tagen ist die Welt eine andere.
Plötzlich war am Montag dieser Woche der Kalte Krieg zurück. Von Indien bis in die USA schrieben Medien vom neuen "Sputnik-Schock". Der Begriff stammt aus dem Jahr 1957. Nachdem die Sowjetunion am 5. Oktober jenes Jahres einen Satelliten ins All geschossen hatte, den Sputnik 1, war nicht nur klar: Die Russen waren technisch schneller vorangekommen als der Westen. Von da an stand fest, dass sie Amerika mit nuklear bestückten Raketen treffen könnten.
Am Montag dieser Woche kam der Schock nicht aus Russland. Er kam aus China. Er kam nicht in Form eines Satelliten oder einer Rakete. Er kam mit etwas kaum Greifbarem: Das chinesische Unternehmen DeepSeek veröffentlichte ein Modell für künstliche Intelligenz (KI) namens R1.
Das mag nicht nach historischer Bedeutung klingen, bis man ein paar Zahlen dazu liest und erfährt, dass sich sogar der US-Präsident dazu äußert. Der US-Chipproduzent Nvidia, das bis zum Montag wertvollste Unternehmen der Welt, verlor über Nacht 600 Milliarden Dollar an Börsenwert. Auch andere Technologieunternehmen büßten massiv ein. Praktisch jeder Fondssparer auf der Welt war davon betroffen. Aber es geht um mehr als das Geld an den Börsen.
Wie der Sputnik-Moment hat auch der DeepSeek-Moment eine politische Dimension. Künstliche Intelligenz wird Waffensysteme und Kriege bestimmen, die Art, wie die Menschen leben und arbeiten. Sie wird immer komplexere Aufgaben in Unternehmen übernehmen und vielleicht sogar selbst wissenschaftliche Entdeckungen machen. US-Präsident Donald Trump nannte die Ankündigung aus China deshalb einen "Weckruf für unsere Industrien, dass wir im Wettbewerb hoch konzentriert sein müssen, um zu gewinnen". Denn R1 ist offenbar ähnlich leistungsfähig wie die KI-Modelle der größten amerikanischen Technologiekonzerne. Dabei war DeepSeek vor Kurzem noch weithin unbekannt. Niemand hatte mit R1 gerechnet.
Bislang galt unter den Vertretern der KI-Industrie der Glaubenssatz: Viel hilft viel. Die Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in der KI-Welt war ein Wettrüsten, weniger zwischen Staaten als zwischen amerikanischen Konzernen: immer größere Rechner, die immer gewaltigere Datenberge verdauten, produzierten immer leistungsfähigere künstliche Intelligenz.
In diesem Geiste wollte Trump auch weitermachen. Das Thema war dem neuen US-Präsidenten so wichtig, dass er an einem seiner ersten Amtstage ein "monumentales Unterfangen" ankündigte: 500 Milliarden Dollar, um die künstliche Intelligenz in den USA voranzubringen, etwa durch den Bau neuer Rechenzentren. 500 Milliarden Dollar, das ist etwa so viel wie der gesamte deutsche Bundeshaushalt für 2025. Schon als der Unternehmer und Trump-Flüsterer Elon Musk vergangenes Jahr weniger als ein Hundertstel dieses Betrags ausgab, um einen Supercomputer zu bauen, den er "Colossus" nannte, galt das als Projekt der Superlative.
Trumps 500 Milliarden sind allerdings nicht wirklich Trumps 500 Milliarden. Sie sollen nicht vom amerikanischen Staat kommen, sondern von den beteiligten Unternehmen: dem Softwarehersteller Oracle, dem ChatGPT-Entwickler OpenAI und Softbank, einem japanischen Telekommunikationsanbieter. Noch ist nicht klar, ob das Geld jemals fließen wird. Dennoch verknüpfte Trump das Projekt und die 500 Milliarden Dollar sofort mit seiner Regierung und gab ihm den Namen "Stargate". Sein Beitrag als Präsident: keine Regeln mehr, die der Entwicklung künstlicher Intelligenz im Wege stehen. Bisher mussten Unternehmen die Ergebnisse von Sicherheitstests an die Regierung übermitteln. Damit ist es nun vorbei. KI soll das Wirtschaftswachstum stärken, dem wissenschaftlichen Fortschritt dienen, bei der Entwicklung neuer Medikamente oder intelligenter Kriegswaffen helfen – und vor allem den USA einen Vorsprung im Wettstreit mit China verschaffen.

