Am Morgen des 19. Dezember 1956 fuhr Konrad Adenauer mit Sorgen zur Kabinettssitzung ins Bonner Kanzleramt. Wenige Wochen vorher hatten sowjetische Panzer einen Aufstand in Ungarn niedergeschlagen, und gerade hatten die Zeitungen wieder von Hinrichtungen berichtet. Und jetzt auch noch diese Meldungen aus Washington: In Amerika, mit vier Divisionen in Europa der wichtigste Verbündete der jungen Bundesrepublik, dachten Politiker und Militärs über „Disengagement“ nach. Von Kostenersparnis war die Rede, von „Abrüstungsverhandlungen“ mit den Sowjets, von Truppenabzug und einer „europäischen Pufferzone“ in der Mitte. Also dort, wo Deutschland liegt.
Adenauer war alarmiert. Die Bundesrepublik als Pufferzone auf einem militärisch entblößten Kontinent wäre für Moskau leichte Beute gewesen. Zweifel kamen auf. Würde Präsident Dwight D. Eisenhower Europa im Fall eines Angriffs schützen, notfalls durch die Drohung mit Atomwaffen? Oder würde er die Alliierten im Stich lassen? Unter den Kronleuchtern des Palais Schaumburg, seines Amtssitzes, präsentierte Adenauer eine düstere Analyse: Auf Washingtons Schutz zu bauen, sei „irreal“, denn für den Einsatz von Kernwaffen seien einstimmige Beschlüsse der NATO und ein Votum des amerikanischen Kongresses nötig. Daher sei es „dringend erforderlich, dass die Bundesrepublik selbst taktische Atomwaffen“ besitze.
Es kam anders. Amerika nahm seine Verantwortung ernst und spannte über Jahrzehnte seinen nuklearen Schutzschirm über Europa. Deutschland blieb atomwaffenfrei.
68 Jahre später aber, im Februar 2024, erzählte Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung, wie er einmal die Europäer zusammengefaltet habe, weil sie nicht genug fürs Militär ausgeben wollten. „Ihr habt nicht bezahlt? Ihr seid im Rückstand?“ – „Ja“, habe einer von ihnen geantwortet, „sagen wir mal, es wäre so.“ Was wäre dann? Würde Amerika Europa schützen? „Nein, ich würde euch nicht schützen“, habe Trump geantwortet. Im Gegenteil. Er werde die Russen „ermuntern zu tun, was immer zur Hölle sie wollen. You gotta pay.“
Seither ist viel passiert. Trumps Vize J. D. Vance hat die Wertegemeinschaft zwischen Europa und Amerika infrage gestellt, die neue amerikanische Sicherheitsstrategie beschreibt die EU als eine Art Gegner, und der britische Thinktank IISS schreibt, es wäre „unklug“ zu ignorieren, dass Amerika seinen Schutzschirm von Europa abziehen könnte. Philip H. Gordon, Sicherheitsberater der gewesenen amerikanischen Vizepräsidentin Kamala Harris, und die frühere Staatssekretärin im US-Verteidigungsministerium Mara Karlin haben deshalb unlängst geschrieben, die Partner der USA müssten jetzt vielleicht „ihre eigenen Atomstreitkräfte“ aufbauen, weil auf Amerika kein Verlass mehr sei.
Frankreich und Großbritannien geben nur vage Schutzversprechen
Es gibt schon Atomstreitkräfte in Europa, Frankreich und Großbritannien. Aber ihre Arsenale sind klein und dienen nur dem, was in Frankreich als die „vitalen Interessen“ der eigenen Nation beschrieben wird. Allerdings hört man auch in Paris, was Trump sagt und Putin tut, und so denkt man darüber nach, wie Frankreich zu einer „zweiten Lebensversicherung“ für Europa beitragen könnte. Briten und Franzosen beginnen, sich abzusprechen, und im Juli haben sie in der „Erklärung von Northwood“ über die nukleare Abschreckung gemeinsam festgestellt, sie würden auf jede „extreme Bedrohung“ Europas „prompt“ antworten. Ein vages nukleares Schutzversprechen.
Bundeskanzler Konrad Adenauer besucht 1956 das erste Trainingsbataillon der Bundeswehr.APAllerdings ist die Formulierung bewusst diffus, und ihr Gewicht reicht bei Weitem nicht an das heran, was die Amerikaner bisher geboten haben. Deren Glaubwürdigkeit als Schutzmacht beruhte vor allem darauf, dass die USA ihren Verbündeten nicht nur Versprechen geben, sondern auch Pfänder: In Deutschland stehen so unersetzliche amerikanische Einrichtungen wie der Luftwaffenstützpunkt Ramstein oder das Hospital in Landstuhl, das größte US-Militärkrankenhaus außerhalb Amerikas. Vor allem aber sind in Deutschland und mehreren anderen NATO-Ländern amerikanische Atombomben gelagert. Sie liegen bereit, um im Rahmen eines Zwei-Schlüssel-Systems namens „nukleare Teilhabe“ von Flugzeugen der Gastgebernationen ins Ziel getragen zu werden.
London und Paris sind bisher nicht bereit, solche Pfänder zu hinterlegen, deshalb fehlt ihnen die Glaubwürdigkeit. Schon als Hitler den Zweiten Weltkrieg begann, hatte man schließlich die Frage „Sterben für Gdansk?“ mit Nein beantwortet und das verbündete Polen im Stich gelassen.
Die F.A.S. hat Fachleute gefragt, wie die vagen Zusagen aus London und Paris glaubwürdig gemacht werden könnten, und sie hat mehrere Antworten bekommen. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Thomas Röwekamp von der CDU, schlägt vor, es so zu machen wie mit Amerika: „Die nukleare Partnernation stellt die Sprengköpfe, Deutschland die Flugzeuge und die Besatzungen.“
Gustav Gressel von der Landesverteidigungsakademie des österreichischen Bundesheeres variiert diesen Gedanken mit dem Vorschlag, europäische Nationen könnten ihre Flugzeuge so umrüsten, dass sie den atomaren französischen Marschflugkörper ASMP tragen könnten. Ob diese Waffe dann tatsächlich auf ihrem Gebiet gelagert wird, solle geheim bleiben. Russland stünde dann „vor einem unberechenbaren Risiko, falls es Europa angreifen wollte“. Élie Tenenbaum vom französischen Analyseinstitut IFRI schließlich sagt, man könne es theoretisch so machen wie die Amerikaner in Japan: Dort stünden möglicherweise ebenfalls US-Atomwaffen, aber anders als bei der nuklearen Teilhabe in Europa gebe es kein Zwei-Schlüssel-System.
Deutschland könnte sich mit U-Booten revanchieren
Es bleiben Hindernisse. Wenn die Atomstreitkräfte Frankreichs oder Großbritanniens auch Deutschland und andere Verbündete schützen sollten, müssten sie viel größer werden, und das kostet mehr Geld, als Paris und London zahlen könnten. Jürgen Hardt, der Sprecher der Unionsfraktion im Auswärtigen Ausschuss, sagt deshalb, Deutschland könne Frankreich und Großbritannien „anbieten, sich zusammen mit anderen an den Kosten von Forschung und Entwicklung, aber auch am Bau von neuen Atom-U-Booten und Waffensystemen zu beteiligen“. Es wäre ohnehin gut, hier technologische Kompetenz zu erwerben. „Dafür könnte man dann die Zusage bekommen, dass diese Waffen auch die beteiligten Länder schützen.“
Der damalige französische Verteidigungsminister Lecornu im Juli 2025 vor einem Atom-U-BootPicture AllianceEin anderes Problem ist schwerer zu lösen: Ähnlich wie in Amerika haben auch in Frankreich und Großbritannien rechtsextreme Tendenzen Aufwind, und Marine Le Pen, die Galionsfigur des nationalistischen Rassemblement National, weigert sich, irgendeinem anderen Land Garantien zu geben. Wer auf London oder Paris zählt, könnte also vom Regen in die Traufe kommen.
Hier nun bringen manche die „deutsche Bombe“ ins Spiel. Eckhard Lübkemeier, ehemals stellvertretender Leiter der Europaabteilung im Kanzleramt, beschreibt diese Möglichkeit im Gespräch mit der F.A.S. als letzte Rückfallposition für den Fall, „dass keiner unserer Partner zu einer glaubwürdigen Schutzzusage bereit ist“. So eine Aussicht könne helfen, London oder Paris am Ende doch als Partner zu gewinnen.
Dann nämlich könne ein deutscher Kanzler dem französischen Präsidenten oder dem britischen Premierminister sagen: „Wenn ihr das nicht wollt, müssen wir es eben so machen wie ihr auch und uns selbst nuklear schützen. Ihr habt die Wahl, die atomare Schutzmacht Europas zu werden oder das Entstehen anderer Nuklearmächte in Kauf zu nehmen.“ Das könne dann „selbst ein französischer Präsident von Le Pens Partei kaum ignorieren“.
Tenenbaum vom französischen IFRI findet diese Überlegung schlüssig. Wenn Deutschland glaubwürdig nach der Bombe greife, könne das ein „Katalysator“ sein und die Diskussion über ein stärkeres französisches Engagement „vitalisieren“. Tenenbaum erinnert an Adenauer: Amerikas Schutzschirm sei damals vor allem deshalb geschaffen worden, „weil Deutschland ernsthaft über die eigene Waffe nachdachte. Um diese Absicht zu zerstreuen, boten die Amerikaner die nukleare Teilhabe an.“
Deutschland könnte in drei bis fünf Jahren einen Sprengkopf bauen
Die Debatte ist im Gang. Fachleute wie Rainer Moormann, der über Jahre am Forschungszentrum Jülich gearbeitet hat, sind der Ansicht, mit der nuklearen Anreicherungsanlage Gronau habe Deutschland das technische Wissen, um in drei bis fünf Jahren einen eigenen Sprengkopf zu bauen.
Auch im Ausland wird über die deutsche Bombe lebhaft diskutiert. Moritz Graefrath und Mark Raymond von der University of Oklahoma schreiben in der Fachzeitschrift „Foreign Affairs“, eine „unabhängige nukleare Streitmacht“ werde Deutschland nicht nur für den Fall eines „plötzlichen amerikanischen Abzugs“ absichern, sondern auch helfen, ein „selbständiges Europa“ zu schaffen.
Maximilian Terhalle von der London School of Economics sagt der F.A.S., falls es keinen Atomschirm für Deutschland mehr gebe, solle „die Möglichkeit einer eigenen nuklearen Abschreckung nicht ausgeschlossen werden“. Marc Trachtenberg von der University of California schreibt, falls Trump Amerikas Schutzversprechen kündige, gebe es keine Möglichkeit mehr, „diese Frage weiter zu ignorieren“.
Bundeskanzler Adenauer im Jahr 1956 vor den ersten Bundeswehr-SoldatenPicture AllianceAuch über die Nachteile wird gesprochen: Deutschland hat sich im Nichtverbreitungsvertrag und im Zwei-plus-vier-Vertrag verpflichtet, atomwaffenfrei zu bleiben. Das ist wichtig für ein Land, das auf Regeln setzt – auch wenn Fachleute wie Lübkemeier sagen, in „grundlegend“ veränderten Lagen, also ohne amerikanischen Schutz und mit einem aggressiven Russland im Osten, erlaube das internationale Vertragsrecht, alte Zusagen zurückzunehmen.
Andere Risiken bleiben. Wenn Deutschland nach der Bombe strebte, könnten andere Länder folgen und ein nukleares Wettrüsten starten. Putin könnte erwägen, in den Jahren, die zum Bau der Bombe nötig wären, NATO-Gebiet anzugreifen, bevor es für ihn zu spät ist. Schließlich und endlich könnten die Isolationisten rund um Trump sagen, wenn die USA nicht mehr gebraucht würden, könnten sie auch gleich ihre Truppen aus Deutschland abziehen.
Generalleutnant Brauß findet solche Überlegungen „nicht angebracht“
Manche glauben, Amerika werde ohnehin bleiben, trotz Trump. Generalleutnant Heinrich Brauß, bis 2018 beigeordneter Generalsekretär der NATO für Verteidigungspolitik und Planung, sagt der F.A.S., nach allem, was er höre, stünden die Amerikaner „unverändert zur NATO“. Der Kongress habe auch mit Stimmen aus Trumps Partei für 2026 einem deutlich höheren Verteidigungsetat zugestimmt als vom Präsidenten beantragt und außerdem festgelegt, dass mindestens 76.000 amerikanische Soldaten in Europa bleiben müssen.
Überlegungen zu einer „deutschen Bombe“ seien deshalb „jetzt nicht angebracht“. Viel wichtiger sei es, die Bundeswehr konventionell zu stärken, denn wenn die Europäer ihren „fairen Anteil an den gemeinsamen Lasten“ übernähmen, würden die Amerikaner auch weiter „für unsere Sicherheit einstehen“.
Der Kanzler und die führenden Sicherheitspolitiker seiner Partei äußern sich ähnlich. Friedrich Merz sagte der F.A.Z. im Oktober, „derzeit“ denke er nicht an eine deutsche Bombe. Hardt meint, sie werde „nicht nötig sein“, und Röwekamp schließt sie „definitiv“ aus.
Das ist auch die Stimmung in der Bevölkerung. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit kein nukleares Deutschland will. Sie zeigen aber auch: Die Unsicherheit durch Trump und die Bedrohung durch Putin haben diese Mehrheit abschmelzen lassen. Noch 2020, also vor Russlands Überfall auf die Ukraine, waren Forsa zufolge fünf Prozent für eine „deutsche Bombe“. Im März 2025 waren es schon sechsmal so viele.




