Dark Factory: Wenn Roboter und KI die Produktion übernehmen

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15. Januar 2026 Bernd Müller

Roboter in einer Fabrik kommen weitgehend ohne Menschen aus.

(Bild: IM Imagery / Shutterstock.com)

Menschenleere Fabriken könnten in 15 Jahren Normalität sein. Doch was steckt hinter dem Konzept – und wie realistisch ist es für Deutschland?

Elon Musk hat kürzlich über seine Vision gesprochen: Mit Technologie, Roboter und Künstliche Intelligenz, könnte die Produktivität in bislang unbekannte Höhe getrieben werden, sodass die Produkte des täglichen Lebens beinahe kostenlos zu haben sind.

Diese Vision setzt voraus, dass der Faktor Mensch in der Produktion eine immer geringere Rolle spielt. Fabriken, in denen kein einziger Mensch arbeitet, in denen Roboter rund um die Uhr produzieren, ohne Pausen, ohne Schichtwechsel – genau dieses Szenario könnte bald Realität werden.

Dass solche "Dark Factories" nicht einfach Realität, sondern bald der Standard sein dürften, meint Jane Enny van Lambalgen, Geschäftsführerin der Beratungsfirma Planet Industrial Excellence. Ihre Schätzung: In anderthalb Jahrzehnten sind menschenleere Produktionsstätten normal.

Der Begriff "Dark Factory" leitet sich davon ab, dass Roboter im Gegensatz zu Menschen kein Licht benötigen. Aber es wird wohl nicht so schnell kommen, dass in den Fabriken im Stockdunkel produziert wird. Denn, wie NTT DATA anmerkt, noch benötigen Kamerasysteme und optische Sensoren Licht, um ihre Arbeit zu verrichten.

Maschinen treffen eigenständig Entscheidungen

Was die Dark Factory von herkömmlicher Automatisierung unterscheidet, ist der Grad der Selbstständigkeit. In klassischen Industrie-4.0-Umgebungen greifen Menschen bei Problemen ein und fällen wichtige Entscheidungen. Bei autonom arbeitenden Anlagen wandern diese Aufgaben zunehmend an intelligente Systeme.

Das technische Rückgrat bilden dabei sogenannte Autonomous Production Twins. Diese virtuellen Abbilder der Fabrik sammeln fortlaufend Daten von Sensoren und Zulieferern, werten sie mithilfe Künstlicher Intelligenz aus und passen Abläufe selbstständig an.

Kommt es etwa zu Verzögerungen bei Materiallieferungen, organisiert das System die Fertigung eigenständig um.

Deutliche Kostensenkungen in Aussicht

Die wirtschaftlichen Vorteile klingen verlockend. Van Lambalgen rechnet damit, dass mit diesen Fabriken bis zu einem Viertel der laufenden Kosten eingespart werden könnten. Gleichzeitig könnte die Produktivität um fast ein Drittel steigen.

Ausschuss und Qualitätsmängel könnten um bis zu 40 Prozent zurückgehen. Ein weiterer Faktor: Roboter arbeiten zwei- bis fünfmal schneller, wenn keine Sicherheitsvorschriften für Menschen im Raum zu beachten sind.

Ein Beispiel für eine solche Dark Factory bietet der chinesische Elektronikkonzern Xiaomi. In einer Anlage nördlich der Hauptstadt Peking rollt im Sekundentakt ein neues Smartphone vom Band – vollständig maschinell gefertigt.

Lediglich für die Wartung und Instandhaltung betreten Menschen das Gebäude. Die Investition belief sich auf umgerechnet rund 330 Millionen US-Dollar, wobei Sensortechnik, Programme und digitale Infrastruktur etwa ein Drittel der Summe verschlangen.

Deutschland noch am Anfang

Norbert Gronau, Wirtschaftsinformatiker an der Universität Potsdam, kennt nach eigener Aussage bislang keine vollständig menschenleere Fabrik in Deutschland. Gegenüber dem Deutschlandfunk berichtet er jedoch, dass zahlreiche Betriebe angesichts knapper Arbeitskräfte bereits Nachtschichten ohne Personal eingeführt hätten.

Van Lambalgen hält es für denkbar, dass deutsche Unternehmen binnen fünf Jahren die Hälfte ihrer Fertigungsflächen weitgehend ohne Belegschaft betreiben. Geeignet seien zunächst Bereiche mit hohen Stückzahlen und gleichbleibenden Produkten. Werkstätten mit Einzelanfertigungen oder Spezialmaschinen dürften vorerst auf menschliche Fachkräfte angewiesen bleiben.

Neue Berufsbilder statt Massenarbeitslosigkeit

Der Personalbedarf in einer Dark Factory schrumpft auf schätzungsweise ein Zehntel der bisherigen Belegschaft. Dennoch bleiben Menschen unverzichtbar – für Konzeption, Einrichtung, Kontrolle und Reparaturen. Van Lambalgen betont, dass die verbleibenden Stellen anspruchsvoller und besser bezahlt seien.

Hartmut Hirsch-Kreinsen, emeritierter Industrie-Soziologe der TU Dortmund, mahnt gegenüber dem Deutschlandfunk zur Vorsicht.

Für den Großteil der Industrie seien vollautonome Werke derzeit weder wirtschaftlich tragfähig noch technisch beherrschbar. Funktionieren würden sie bislang nur in Nischen wie der Halbleiter- oder Pharmaproduktion, wo extrem standardisierte Abläufe vorherrschen.

Regulierung als Bremse oder Chance?

Die Debatte um europäische Vorschriften und eine denkbare Abgabe auf Roboter könnte den Aufbau autonomer Werke hierzulande verzögern. Van Lambalgen gibt zu bedenken: Entstehen solche Anlagen anderswo, setzt dies deutsche Hersteller unter erheblichen Preisdruck.

Hirsch-Kreinsen sieht eine Sondersteuer auf Maschinen skeptisch. Automatisierung schaffe nicht nur Stellen ab, sondern hebe auch das Qualifikationsniveau vieler Tätigkeiten. Mit Blick auf die alternde Gesellschaft und den schrumpfenden Arbeitsmarkt könnten hochautomatisierte Fabriken sogar dazu beitragen, industrielle Kapazitäten langfristig zu sichern.

Global nimmt die Roboterdichte derweil rasant zu. Im vergangenen Jahr gingen weltweit 542.000 neue Industrieroboter in Betrieb – mehr als doppelt so viele wie noch vor einem Jahrzehnt. Die installierte Basis wuchs auf insgesamt 4,66 Millionen Einheiten. Drei Viertel aller Neuanschaffungen entfielen auf Asien, Europa kam lediglich auf 16 Prozent.

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