CO2-Rekord 2024: Ruf nach strengen Zielen

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Rekord-Waldbrände in Kanada und Australien, die 2024 für einen Rekordanstieg der Emissionen sorgten, überhaupt Wälder, die global gesehen inzwischen nicht mehr Kohlendioxid (CO2) aufnehmen und speichern, sondern in die Luft abgeben, das alles muss neben den anhaltend steigenden Emissionen durch Industrie und Verkehr als schwerer Rückschlag für den Klimaschutz gewertet werden. Doch das ist längst nicht alles: Denn auch einige der politischen Weichen, die man schon vor Jahrzehnten zum Schutz des Klimas gestellt hatte, entpuppen sich plötzlich als Schuss ins Knie der Klimapolitik. Die großflächige Förderung des Biosprits als vermeintlich klimaneutrale Maßnahme gegen den CO2-Anstieg ist offenbar so ein Fall.

In einem neuen Bericht der von Stiftungen und Umweltorganisationen getragenen Brüsseler Organisation „Transport and Environment“ (T&E) wird eine Bestandsaufnehme der Bioenergie-Produktion weltweit und deren Klimabilanz vorgelegt. Fazit: Weltweit steigt der Bedarf an Bioenergie weiter rasant. Doch die Produktion und der Verbrauch übersteigen mittlerweile wegen des eklatanten Flächenverbrauchs und der Anbaupraxis die fossilen CO2-Emissionen, die damit eingespart werden sollen. 2030 würden, gehe die Entwicklung weiter wie bisher, auf einer Fläche so groß wie Frankreich Energiepflanzen angebaut. Damit würde es Bioenergie in der Rangliste der klimaschädlichsten Quellen auf Platz sechs aller der Länder schaffen.

Täglich würden derzeit 100 Millionen Flaschen pflanzliches Öl in Verbrennerautos verbrannt, das ist laut Bericht ein Fünftel des vor allem für die Ernährung gedachten Pflanzenölverbrauchs. Auch der Wasserverbrauch steige dadurch weiter enorm: Geschätzt würden tausend Liter Wasser pro 100 gefahrenen Kilometern verbraucht. Die Organisaiton forderte ein Ende der Biosprit-Förderung für die Energiegewinnung. Dieselbe Energieausbeute, schreiben die Autoren, die mit dem Verbrennen des Energiepflanzenmaterials erzielt werde, könne mit der Erzeugung von Solarstorm erzeugt werden - allerdings brauche man dafür lediglich drei Prozent der Fläche. Der Biospritanbau treibe die Emissionen weiter in die Höhe.

WMO meldete Rekordanstieg der Emissionen

Am Mittwoch warnte die Weltmeteorologiebehörde WMO nach der alljährlichen Bestandsaufnahme der Treibhausgas-Messungen: Die Konzentration von klimaschädlichem Kohlendioxid in der Atmosphäre ist 2024 drastisch gestiegen - so stark wie seit Beginn der modernen Messungen 1957 nicht. Die jährliche Zunahme habe sich seit den 1960er Jahren verdreifacht in ihrem Bulletin.

In den 1960er Jahren lag der CO2-Anstieg pro Jahr demnach bei 0,8 ppm (parts per million – Teilchen pro Million Teilchen). Zwischen 2011 und 2020 betrug er durchschnittlich 2,4 ppm pro Jahr. Von 2023 auf 2024 stieg der Wert nun um 3,5 ppm. Die Verdreifachung bezieht sich auf den längerfristigen Durchschnittswert, nicht den Anstieg in einem einzelnen Jahr. Damit erreichte die CO2-Konzentration in der Atmosphäre 2024 den Rekordwert von 423,9 ppm.

Die hohe Treibhausgaskonzentration sorgt dafür, dass weniger Wärme ins All entweicht - das heizt den Planeten auf. Auch die Treibhausgase Methan (CH4) und Lachgas (Distickstoffoxid, N2O) sind dem Bericht zufolge 2024 auf Rekordwerte gestiegen.

Die langen Folgen der CO2-Konzentration

WMO-Wissenschaftlerin Oksana Tarasova ist alarmiert: Zusätzlich mehrten sich die Anzeichen dafür, dass Wälder und Ozeane weniger CO2 aufnehmen, sagte sie auf einer Pressekonferenz. Bislang habe die Natur etwa die Hälfte der Emissionen absorbiert. Aber die Kapazität dafür sinke.

CO2 verbleibt lange in der Atmosphäre und hat über Jahrhunderte Auswirkungen auf das Klima. Nach 1.000 Jahren seien noch etwa 15 bis 40 Prozent davon in der Atmosphäre, schätzen Experten. CO2 entsteht etwa bei der Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas - zum Beispiel bei der Strom- und Wärmeerzeugung, im Verkehr, in der industriellen Produktion sowie in Haushalten.

Der Teufelskreis

Ursache für den starken Anstieg der Konzentration seien 2024 neben den von Menschen verursachten Treibhausgasen auch Wald- und Buschbrände gewesen, vor allem in Südamerika, so die WMO. Das Niveau von Kohlenmonoxid (CO) sei dort so hoch gewesen wie noch nie seit Beginn der diesbezüglichen Messungen vor 22 Jahren. Das CO stammt überwiegend aus Waldbränden. Es oxidiert zu CO2.

Verschärft wurde das Problem 2024 durch das alle paar Jahre auftretende natürliche Wetterphänomen El Niño, das für mehr Dürren etwa in Südamerika und im südlichen Afrika sowie für mehr Waldbrände sorgte. Bei Dürren können Ökosysteme weniger CO2 aufnehmen.

Besorgniserregend sei aber vor allem, dass die Aufnahmefähigkeit von CO2 in Wäldern und Ozeanen sinke. Die WMO spricht von einem drohenden Teufelskreis: Weniger CO2-Aufnahme bedeute mehr CO2 in der Atmosphäre. Das sorge für höhere Temperaturen. Das bedeute wärmere Ozeane und mehr Dürren, was letztlich wiederum die CO2-Aufnahme senke, erklärte Tarasova.

Die Kipppunkte

«Die Klimarückkopplungen sind besorgniserregend», sagte die Expertin. Es könnten Kipppunkte erreicht werden, ab denen die Entwicklung nicht mehr umgekehrt werden könne, mit drastischen Folgen. Sie nannte als Beispiele etwa das Auftauen von Permafrostböden und den Kollaps des Ökosystems Amazonas-Regenwald.

2024 war das bislang wärmste Jahr seit der Industrialisierung (um das Jahr 1750), mit einer globalen Durchschnittstemperatur gut 1,55 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Auch die Ozeane waren im vergangenen Jahr so warm wie nie zuvor, sowohl an der Oberfläche als auch bis in 2.000 Meter Tiefe.

Nicht schwarzsehen: Menschen können viel tun

Die Treibhausgas-Emissionen müssten dringend drastisch gesenkt werden, heißt es in den WMO-Bericht weiter. Andernfalls sieht die Organisation das Pariser Klimaziel gefährdet, die globale Erwärmung deutlich unter zwei Grad und möglichst auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Zwar lag der Anstieg 2024 bereits über 1,5 Grad, für das Klimaziel geht es aber nicht um einzelne Jahreswerte. Vielmehr ist ein Anstieg über einen längeren Zeitraum von mindestens zehn Jahren relevant.

Trotz der alarmierenden Fakten sieht Tarasova nicht schwarz: „Wir sollten nie aufgeben. Zwischen 1,5 Grad und 5 Grad Erwärmung ist ein Riesenunterschied“, sagte sie. „Wir sollten alles in unserer Macht Stehende tun, um die Wälder und die Ozeane zu schützen.“

Deutsche Klimaforscher schreiben an Merz

In einem Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz hat am Mittwoch auch das Deutsche Klimakonsortium, der Dachverband der Klimaforschung in Berlin, einen klimapolitischen Vorstoß gefordert: „Wir bitten Sie eindringlich, sicherzustellen, dass die Abstimmung über das EU-Klimaziel am 4.11.2025 im Umweltministerrat stattfindet und die Bundesregierung dort dem Reduktionsziel von 90% für 2040 sowie von mindestens 71% für 2035 zustimmt:“ Hintergrund sind Äußerungen der letzten Wochen, in denen gefordert worden war, im europäischen Rahmen für die Aussetzung der ambitionierten EU-Klimaziele in Brüssel zu sorgen. Eine neunzigprozentige Absenkung ind er EU der Emissionen sei aber nötig - „bei gleichzeitig äquivalenten Anstrengungen anderer Länder“ -, damit die 1,5 Grad Erwärmung (verglichen mit den vorindustriellen Temperaturen) mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent dauerhaft nicht überschritten werden.

Ob die als „Klimaschutzmacht“ geltende EU ihre Klimaziele aufrechterhält, wird von vielen Beobachtern als wegweisende Entscheidung für den Erolg oder Misserfolg des UN-Klimagipfels im November in Bélem in Brasilien gesehen.

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