02. Februar 2026 Marcel Kunzmann
China holt auf im KI-Wettlauf mit den USA, doch wie sieht Pekings Strategie aus?
(Bild: Pixels Hunter/Shutterstock.com)
Während Washington vor einem Wettrennen um künstliche Superintelligenz warnt, setzt Peking auf konkrete Anwendungen. Experten sehen die Lage im Fluss.
Die Frage, wer im globalen Wettbewerb um künstliche Intelligenz die Nase vorn hat, beschäftigt Regierungen und Technologiekonzerne weltweit. Während die USA den Fokus auf sogenannte künstliche Superintelligenz legen, verfolgt China einen anderen Ansatz – vorerst.
Im September sorgte Eddie Wu, der normalerweise medienscheue Chef des chinesischen Technologiekonzerns Alibaba, für Aufsehen. Auf einer Entwicklerkonferenz in Hangzhou kündigte er an, dass künstliche Superintelligenz eine Generation von "Superwissenschaftlern" hervorbringen könne, die wissenschaftliche Probleme in unvorstellbarer Geschwindigkeit lösen würden.
Alibaba plane, in den kommenden drei Jahren 380 Milliarden Yuan (umgerechnet ca. 46 Milliarden Euro) in KI-Infrastruktur zu investieren, berichtete der Guardian.
Wus Vorstoß in eine Rhetorik, die sonst westliche Tech-Manager wie OpenAI-Chef Sam Altman oder DeepMinds Demis Hassabis pflegen, wurde von Beobachtern als Durchbruch gewertet. Die Tech-Autorin Afra Wang schrieb in ihrem Newsletter, große chinesische Unternehmen würden beginnen, eigene große Visionen zu formulieren, die den Charakter zukünftiger Prophezeiungen trügen.
Peking setzt auf praktische Anwendungen
Doch Wus Rede spiegelt nach Einschätzung vieler Experten nicht die Gesamtstrategie der chinesischen KI-Industrie wider. "China hat sicherlich Forschungsgruppen, die an AGI arbeiten. Aber die meisten KI-Unternehmen arbeiten an besseren Anwendungen", sagte Ya-Qin Zhang, Dekan des Instituts für KI-Industrieforschung an der Tsinghua-Universität und ehemaliger Präsident des Technologieunternehmens Baidu, dem Guardian.
AGI steht für "Artificial General Intelligence", einen theoretischen Zustand künstlicher Intelligenz, in dem ein hochautonomes System die Arbeit eines Menschen erledigen kann. Viele sehen darin die nächste Zivilisationsgrenze.
Die chinesische Regierung veröffentlichte im August ihre mit Spannung erwartete "KI+-Strategie". Das Dokument beschrieb, wie KI Chinas Entwicklungsziele vorantreiben könne – etwa durch bessere medizinische Diagnosen oder effizientere Lieferketten. AGI wurde nicht erwähnt.
"Die chinesische Regierung konzentriert sich intensiv darauf, die Vorteile von KI im Hier und Jetzt und in naher Zukunft zu ernten", sagte Julian Gewirtz, ehemaliger leitender Direktor für China und Taiwan im nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses. Trotz des Ziels, die USA zu "überholen", sollte man nicht davon ausgehen, dass die Kommunistische Partei die Vorstellung akzeptiert habe, AGI stehe unmittelbar bevor.
US-Sanktionen prägen chinesische Strategie
Ein entscheidender Faktor für Chinas pragmatischen Kurs ist der eingeschränkte Zugang zu hochentwickelten Halbleitern. Washington hat den Verkauf von modernen Grafikchips nach China zeitweise verboten, um die KI-Entwicklung des Landes zu bremsen. Der weltweit führende Chiphersteller Nvidia entwickelte daraufhin einfachere Halbleiter speziell für den chinesischen Markt.
Im Dezember genehmigte Washington den Verkauf von Nvidias zweitmodernsten Chips, den H200s, nach China. Diese werden allerdings nur sehr selektiv zum Einsatz kommen, um keine erneute Abhängigkeit entstehen zu lassen und die Entwicklung heimischer Alternativen zu fördern.
China verweist auf den Erfolg von Unternehmen wie DeepSeek als Beweis dafür, dass US-Beschränkungen lediglich Innovationen anspornen würden. DeepSeeks Gründer Liang Wenfeng gehört zu den wenigen chinesischen Tech-Führern, die offen Interesse an AGI bekundet haben.
Bis China jedoch eigene fortschrittliche Halbleiter in großem Maßstab produzieren kann, halten es die meisten Technologieunternehmen für profitabler, vorhandene Hardware für KI-Anwendungen statt für AGI-Forschung zu nutzen.
Rechenzentren: Überkapazitäten trotz Milliarden-Investitionen
Ein weiterer Faktor im technologischen Wettbewerb ist die Verfügbarkeit von Rechenzentren und Energie. Im November sagte Jensen Huang, Chef von Nvidia, China werde das "KI-Rennen gewinnen", auch wegen staatlicher Energiesubventionen für Rechenzentren.
Die Subventionen wurden laut Guardian eingeführt, nachdem chinesische Tech-Unternehmen über höhere Stromrechnungen geklagt hatten, die durch weniger effiziente heimische Halbleiter verursacht wurden. Seit 2021 habe China Berichten zufolge 100 Milliarden US-Dollar in KI-Rechenzentren investiert.
Es gibt jedoch auch in China Anzeichen für eine Überdehnung. Ein aktueller Bericht der China Academy of Information and Communications Technology ergab, dass landesweit die Auslastungsrate für KI-Rechenzentren bei 32 Prozent liegt.
Rao Shaoyang, Direktor am China Telecom Research Institute, warnte in einem Kommentar vor dem "blinden Bau intelligenter Rechenzentren" und zog Parallelen zu Chinas angeschlagenem Immobiliensektor.
Pentagon setzt auf "überwältigende" militärische KI-Dominanz
Während China seinen Fokus auf Anwendungen legt, verschärfen die USA ihre Rhetorik. Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte bei einem Besuch in Elon Musks SpaceX-Anlage in Texas, die USA müssten unbestrittene KI-"Dominanz" erreichen, um zu verhindern, dass Gegner einen technologischen Vorsprung erlangen, berichtete die in Hongkong erscheinende South China Morning Post.
Hegseth erwähnte China nicht namentlich, doch sein Auftritt erfolgte einen Monat nachdem das Pentagon dem Kongress gegenüber vor Pekings beschleunigter Nutzung von KI für militärische Modernisierungsziele gewarnt hatte.
"Wir sind fertig damit, eine Friedenszeit-Wissenschaftsmesse zu veranstalten, während unsere potenziellen Gegner ein Kriegszeit-Wettrüsten betreiben", sagte Hegseth laut SCMP. Die USA müssten eine "KI-first"-Streitmacht werden.
Das US-Kriegsministerium veröffentlichte am selben Tag eine KI-Beschleunigungsstrategie, in der festgehalten wird, dass KI-gestützte Kriegsführung den Charakter militärischer Angelegenheiten im nächsten Jahrzehnt neu definieren werde. Als Teil der Strategie kündigte Hegseth an, dass Musks KI-Chatbot Grok noch im selben Monat im Pentagon-Netzwerk operieren werde.
Experten warnen vor schnellem Stimmungswandel
Trotz Chinas derzeitigem Fokus auf Anwendungen warnen Experten davor, die Lage als statisch zu betrachten. "Der aktuelle Status quo ist höchst volatil, und Xi Jinping hat ausdrücklich den Ehrgeiz erklärt, die Welt bei KI anzuführen", sagte Gewirtz dem Guardian.
Die Tatsache, dass China dieses Ziel momentan auf eine bestimmte Weise auslege, gebe ihm keine Sicherheit, dass die Auslegung in einem Jahr noch genauso aussehen wird.
Die US-chinesische Kommission für wirtschaftliche und sicherheitspolitische Überprüfung empfahl dem US-Kongress, ein dem Manhattan-Projekt ähnliches Programm einzurichten, das sich dem Wettlauf um AGI widmet. Das Manhattan-Projekt war ein Forschungsvorhaben aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zur Entwicklung von Atomwaffen.



