Big Tech 2025: Alphabet und Nvidia dominieren die Börse – den übrigen fehlt Luft

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2025 war ein Börsenjahr der Gegensätze. Ein Jahr, das mit einem politischen Schock begann, sich mit einer kräftigen Erholung fortsetzte – und am Ende mehr Fragen als Gewissheiten hinterließ. Der sogenannte „Trump-Tariff“-Crash im Frühjahr schickte die Techaktien kurzzeitig auf heftige Talfahrt, doch die Anteilsscheine der „Magnificent Seven“ schnellten in der Folge wieder nachhaltig zurück auf die alten Hochs. Für Anleger im Big-Tech-Sektor blieb per Saldo jedoch überraschend wenig hängen. Mit zwei bemerkenswerten Ausnahmen: Alphabet und Nvidia.

Während der breite Markt – gemessen am Leitindex S&P 500 – 2025 rund 16 Prozent zulegte, gelang es von den „ Mag 7“ am Ende nur zwei Werten, diesen Maßstab zu schlagen: Alphabet mit einem Plus von rund 63 Prozent und Nvidia mit gut 30 Prozent. Der Rest blieb indes hinter dem US-Leitindex zurück: Microsoft und Tesla verbuchten Wertzuwächse von 13 Prozent, Apple von 11 Prozent, Meta schaffte rund 10 Prozent, während Amazon kaum über 2 Prozent hinauskam. Für Big-Tech-Verhältnisse war das ein recht überraschendes Jahr der Stagnation. Noch enttäuschender fiel für deutsche Anleger der Blick ins Depot aus. Wegen der starken Dollar-Abwertung fiel auf die US-Aktien in Euro ein Abschlag von happigen 13 Prozent an. Per saldo Geld verdienten deutsche Besitzer von Big-Tech-Titeln damit lediglich mit Nvidia und Alphabet.

Dass ausgerechnet Alphabet zum Börsenstar 2025 avancieren würde, galt noch zum Jahreswechsel als recht unwahrscheinlich: Die Google-Mutter wurde nämlich damals als Verlierer des KI-Rennens abgestempelt. Gemini galt als unausgereift, der Suchmarkt als bedroht, ChatGPT als potenzieller Totengräber eines jahrzehntelang dominierenden Geschäftsmodells. Die Wall Street war gnadenlos – und übersah dabei, wie robust die fundamentale Realität tatsächlich war.

Was im zweiten Halbjahr folgte, war eines der eindrucksvollsten Re-Ratings der jüngeren Börsengeschichte. Alphabet holte im KI-Wettlauf auf, schloss technologisch zu ChatGPT auf und etablierte Gemini als mindestens ernst zu nehmende Plattform. Gleichzeitig sorgte Rückenwind von unerwarteter Seite für zusätzliche Fantasie: Der große Antitrust-Prozess endete ohne Zerschlagung. Und als Sahnehäubchen wurde im Herbst bekannt, dass Berkshire Hathaway um Star-Investor Warren Buffett eine vier Milliarden Dollar schwere Position aufgebaut hatte – ein psychologisch enormer Effekt für den Tech-Giganten, der jahrelang eher als reifer Cashflow-Wert denn als Wachstumsstory wahrgenommen wurde.

Im Ergebnis verdoppelte Alphabet seinen Börsenwert innerhalb eines Halbjahres. Zwischenzeitlich durchbrach der Internet-Pionier aus Mountain View sogar die Marke von vier Billionen Dollar in der Marktkapitalisierung. Plötzlich lag Alphabet damit auf Augenhöhe mit Apple, dicht hinter Nvidia – und ließ Microsoft hinter sich. Ein Szenario, das Anfang 2025 kaum jemand für möglich gehalten hätte.

Fundamental speiste sich diese Neubewertung aus mehreren Quellen: Google Cloud gewann Marktanteile, YouTube entwickelt sich immer stärker zur globalen Entertainment- und Commerce-Maschine, und das scheinbar alternde Werbegeschäft zog wieder zweistellig an. Vor allem aber änderte sich die Wahrnehmung: Alphabet wurde nicht länger als KI-Nachzügler betrachtet.

Nvidia blieb unterdessen auch 2025 das industrielle Rückgrat der KI-Revolution und stieg im Sommer sogar zum wertvollsten Konzern der Welt auf. Die Umsätze wuchsen weiter in atemberaubendem Tempo, die Margen blieben historisch hoch, und die Nachfrage nach Hopper- und Blackwell-Chips überstieg das Angebot. Für Hyperscaler, Cloud-Anbieter und KI-Startups führte kein Weg an Nvidia vorbei.

Und doch war 2025 ein Jahr, in dem erstmals Risse im Narrativ erkennbar wurden. Nicht fundamental, denn das Wachstum fällt über 60 Prozent beim Gewinn und Umsatz weiter äußerst dynamisch aus. Doch die Erwartung bleibt ebenso ambitioniert: In der zweiten Jahreshälfte verschob sich der Ton an der Wall Street spürbar – von grenzenloser Euphorie hin zu größerer Skepsis, wie lange CEO Jensen Huang das Wachstumstempo durchhalten kann. Immer öfter wurde hinterfragt, wie viel der KI-Wachstumsfantasie inzwischen in der Nvidia-Aktie eingepreist ist.

In der Tech-Branche selbst werden die Bedenken weggewischt. Tech-Staranalyst Dan Ives etwa erklärte vor zwei Wochen, der große AI-Bullenmarktzyklus könnte noch weitere zwei Jahre laufen. Lisa Su, CEO von Chip-Riesen AMD, schlug vor Wochen in die gleiche Kerbe: Die Geschwindigkeit, mit der sich KI verbessere, sei höher als bei jeder Technologie, die sie je erlebt habe. Ein Kompliment für die Tech-Branche – aber auch ein Hinweis darauf, wie kurzlebig Innovationszyklen geworden sind. Genau hier setzt die Kritik der Skeptiker an.

Der KI-Boom der vergangenen Jahre hatte seinen Ausgangspunkt bekanntlich bei OpenAI genommen. Der Launch von ChatGPT vor mittlerweile drei Jahren löste eine Kettenreaktion aus: Milliardeninvestitionen, steigende Capex-Budgets bei Hyperscalern, massive Aufträge für Nvidia, strategische Allianzen mit Microsoft und Infrastruktur-Deals bis zu Oracle. Doch ab dem Herbst 2025 kippte die Stimmung.

Plötzlich dominierte wieder eine alte Frage die Debatte an den Kapitalmärkten: Handelt es sich wirklich um eine nachhaltige industrielle Revolution – oder um die Übertreibungsphase einer klassischen Tech-Blase? Die Erinnerungen an die Dotcom-Blase zur Millenniumswende, an Cisco, an das Jahr 2000 kehrten immer wieder zurück.

Einer der lautesten Mahner war Michael Burry. Der Hedgefondsmanager, bekannt aus dem Hollywood-Blockbuster „The Big Short“, zog eine provokante Parallele: Nvidia sei nicht Enron – sondern Cisco. Um die Jahrtausendwende war Cisco das unverzichtbare Fundament des Internetzeitalters – technisch dominant, hochprofitabel, scheinbar unersetzlich. Und dennoch folgte nach dem Höhepunkt Anfang 2000 ein Kurssturz von fast 90 Prozent und ein jahrzehntelanger Seitwärtsmarsch, der erst in den vergangenen Wochen mit neuen Höchstkursen nach einem Vierteljahrhundert endete.

Burrys Argument ist dabei weniger ein Crash-Szenario als eine Bewertungswarnung. Selbst strukturelle Gewinner können Anleger enttäuschen, wenn Erwartungen astronomisch sind. Besonders kritisch sieht er die Abschreibungspraxis für KI-Hardware: Wenn Server faktisch schneller veralten, als es die bilanzierten Jahre suggerieren, könnten Gewinne künftig unter Druck geraten – ein Thema, das bislang kaum im Konsens der Analystenmodelle auftaucht.

Entsprechend dürfte 2025 als das erste Jahr der Differenzierung im KI-Hype in Erinnerung bleiben. Ob damit der Anfang vom Ende des großen AI-Superzyklus eingeleitet oder nur eine Phase der Konsolidierung durchschritten wurde, wird sich zeigen. Bislang spielte sich der KI-Boom vor allem indirekt ab: Anleger setzten auf Infrastruktur-Profiteure wie Nvidia, Cloud-Plattformen wie Microsoft oder Alphabet und auf Capex-Gewinner entlang der Wertschöpfungskette. Doch die kommenden 12 Monate dürften für Tech- und KI-Investoren zum Lackmustest werden.

Mit den potenziellen Börsengängen von OpenAI und Anthropic erreicht der AI-Hype nämlich eine neue Phase: Er wird weitaus investierbarer. Hinzu kommt ein weiterer Elefant im Raum: SpaceX. Ein möglicher Börsengang – ob als Gesamtkonzern oder über einzelne Sparten wie Starlink – wäre nicht nur eines der größten IPO-Events der Börsengeschichte, sondern auch ein Stresstest für das aktuelle Marktumfeld. Gelingen die Mega-IPOs, bei denen mit Bewertungen von über 300 Milliarden Dollar (Anthropic), über 500 Milliarden Dollar (OpenAI) und gar von über 800 Milliarden Dollar (SpaceX) gerechnet wird, wäre das ein enorm starkes Signal.

Der Risikoappetit lebt, der Tech-Bullenmarkt läuft weiter. Scheitern jedoch ein oder mehrere dieser Börsengänge – durch Zurückhaltung der Investoren, Bewertungsabschläge oder eine generelle Schwäche der US-Konjunktur – dürfte die AI-Euphorie empfindlich ausgebremst werden. 2026 wird damit zum Jahr der Wahrheit für Big Tech und das KI-Ökosystem.

(emw)

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