Bargeld-Tracking nimmt in Deutschland zu

6 months ago 6

Bargeldzahlungen sind anonym? Die automatisch Erfassung der Seriennummern von Banknoten samt Verfolgung von Geldscheinen wird inzwischen immer mehr ausgeweitet. Datenschützer zeigen sich besorgt ob dieser Entwicklung.

Die Mär von anonymen Bargeldzahlungen

Viele Menschen gehen davon aus, dass die Bezahlung mit Bargeld ein anonymer Vorgang ist. Bei Münzen stimmt dies wohl noch, aber bei Banknoten weitet sich ein Trend aus: Das Tracking der Seriennummern.

Zwar wird immer mehr die Daumenschraube bezüglich vermeintlicher Geldwäsche durch Bargeldzahlungen angezogen und die Gesetzgeber legen Obergrenzen für Barzahlungen fest, ab der solche Transaktionen gemeldet werden.

Aber bereits aus vielen Kriminalfällen sollte Jeder wissen, dass die Seriennummer von Geldscheinen aus Lösegeld-Erpressungen oder Bankraub erfasst wurden. Die Forderung "Lösegeld in kleinen, nicht registrierten Scheinen" kommt in jedem Krimi mit entsprechender Handlung vor.

Polizei und Strafverfolgern gelang es in der Vergangenheit immer wieder, Geldscheine aus solchen Straftaten aufzuspüren und über diverse Fahndungsmaßnahmen die Täter zu ermitteln und oft dingfest zu machen. So viel als Vorbemerkung.

Geldschein-Tracking auf dem Vormarsch

Die Tage bin ich auf netzpolitik.org auf den Beitrag Bargeld-Tracking: Du hast Überwachungsinstrumente im Portemonnaie gestoßen, der auf einen wachsenden Trend zum Tracking von Geldscheinen hinweist. Zitat: "Die Infrastruktur zum Bargeld-Tracking wird immer weiter ausgebaut. Auch deutsche Sicherheitsbehörden nutzen sie für Ermittlungen."

Es gibt eine Webseite EuroBillTracker, wo Hobbyisten Geldscheine auf ihrem Weg durch Europa zum Spaß tracken. Gerade mal beim Schreiben des Beitrags nachgeschaut, da gab es einige "Einschläge in meiner näheren Umgebung". netzpolitik.org hat die "Reise einer Zwanzig-Euro-Banknote" in einer fiktiven Geschichte nacherzählt.

Wer nun meint, dass das alles kein Problem sei, sollte sich den Beitrag Bargeld-Tracking: Du hast Überwachungsinstrumente im Portemonnaie mehrfach durchlesen. Wer Bargeld am Bankautomaten abhebt, hinterlässt nicht nur eine Datenspur "x Euro bar abgehoben" auf seinem Bankkonto. Sondern die Seriennummer der Geldscheine wurden vor der Ausgabe erfasst. Moderne Banknotenprüf- und -sortiermaschinen in Cash-Centern von Geldtransportunternehmen lesen auch die Seriennummern der Scheine und speichern diese.

Wird Falschgeld an einem Bankautomaten eingezahlt, muss dieser den Vorgang mit der Kontonummer verknüpft an die Polizei melden. Es wäre technisch wohl auch kein Problem, solche Einzahlungen an allen Stellen, an denen personalisiert Bargeld eingezahlt wird, den Einzahler sowie die eingezahlten Scheine mit ihrer Seriennummer zu erfassen.

Und hier wird es dann kritisch, denn die Seriennummer eines Scheins wird bei der Bargeldausgabe erfasst. Wird der Schein nach dem Abheben am Geldautomat für einen Bezahlvorgang genutzt und erfolgt dort die Erfassung der Seriennummer, lässt sich der angeblich anonyme Zahler sofort de-anonymisieren.

Wäre nicht so das Problem, wenn meine Frau bei der lokalen Bankfiliale am Geldautomaten einige Scheine abhebt, zur Türe raus geht und dann auf dem dort stattfindenden Markt beim Fisch- oder Gemüsehändler zahlt. netzpolitik.org skizziert aber andere Fälle, die bereits Potential für Erpressungen oder Nachforschungen bieten.

Was passiert, wenn ein Geheimnisträger Bargeld abhebt und ein registrierter Schein Stunden später von einem Bordellbetrieb bei einer Bank wieder eingezahlt wird. Jemand zahlt ein Parkticket an einem Automaten und muss das Fahrzeugkennzeichen angeben. Der Automat liest und speichert die Seriennummer dieses Scheins – schon ist erneut eine Personalisierung hergestellt.

Jeder Bargeld-Bezahlvorgang, der an das Lesen eines Ausweises gekoppelt ist, z.B. bei Automatenverkäufen für Tabakwaren oder Alkohol, kann den Besitzer eines Geldscheins zuordnen. netzpolitik.org benennt eine Reihe von Bargeldzahlungen, wo Menschen anonym bleiben wollen (von Spenden über Zahlungen an bestimmte Stellen). Dagegen steht der Trend, dass die (Bargeld-)Industrie die Bargeldlogistik optimieren und Scheine standardmäßig tracken möchte. Bargeld-Tracking ("Cycle-Cash Visibility and Collaboration") sei eine vielversprechende Technologie.

Datenschützer warnen vor der Entwicklung

Aus Sicht der DSGVO gibt es keine Handhabe gegen die Erfassung von Seriennummer von Geldscheinen – es sind keine Personendaten. Nun gibt es Staaten, wo das Bargeld-Tracking bereits sehr weit fortgeschritten ist – und auch in Deutschland möchten Behörden (Zoll, Polizei) den Zugriff auf getrackte Seriennummern von Geldscheinen zur Strafverfolgung.

Marit Hansen, Landesbeauftragte für Datenschutz Schleswig-Holstein, sieht laut netzpolitik.org ein umfassendes Bargeld-Tracking kritisch. Im Artikel wird sie mit folgender Aussage zitiert: "Wenn Seriennummern mit Zeit und Ort der Erfassung gespeichert und diese Daten immer granularer gesammelt werden, verliert man die Anonymität des Bargelds." Auch wenn die Erfassung jeweils berechtigte Interessen verfolge, könne sie problematisch sein. "In der Gesamtschau entsteht das Risiko, dass die einzelnen Daten einen Personenbezug ergeben. Ab einer gewissen Schwelle könnten beispielsweise Standortdaten von Personen abgeleitet werden. Ebenso ließe sich dann ablesen, wer sich wofür interessiert", sagt Marit Hansen. Der Beitrag von netzpolitik.org ist in meinen Augen ganz lesenswert und wirft ein Licht auf eine unschöne Entwicklung.

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