Anthropic hat seinen Börsenprospekt eingereicht und der Markt scheint's zu mögen.
Das KI-Labor ist das erste große Unternehmen seiner Art, das einen S-1-Prospekt bei der US-Börsenaufsicht SEC öffentlich eingereicht hat. Anthropic will unter dem Kürzel "ANT" an der Nasdaq notieren, Goldman Sachs und Morgan Stanley leiten den Börsengang. Die Wall Street erwartet laut Yahoo Finance eine Bewertung von rund 2 Billionen Dollar. Zuletzt war Anthropic mit rund 965 Milliarden Dollar bewertet, mehr als Rivale OpenAI mit rund 852 Milliarden Dollar.
Die Quartalszahlen des ersten Halbjahrs zeigen ein enormes Wachstum. Der Umsatz stieg von 376 Millionen Dollar im ersten Quartal 2025 auf 11,6 Milliarden Dollar im zweiten Quartal 2026, ein Plus von 1.368 Prozent im Jahresvergleich. Im ersten Halbjahr 2026 setzte Anthropic insgesamt 16,3 Milliarden Dollar um, mehr als dreimal so viel wie im gesamten Jahr 2025 mit 4,6 Milliarden Dollar. Regierungsverträge machen derzeit nur rund ein Prozent des Umsatzes aus. Rund 5 bis 7 Prozent des Umsatzes stammen laut Prospekt von Kunden, die gegen die Nutzungsrichtlinien verstoßen, hier primär die Modelldestillation, gegen die Anthropic bereits erfolgreich schärfer vorgeht.
Im zweiten Quartal 2026 erzielte Anthropic erstmals einen positiven operativen Gewinn nach GAAP (Generally Accepted Accounting Principles, der in den USA verbindliche Rechnungslegungsstandard) von 974 Millionen Dollar. Die Rechenkosten stiegen im gleichen Zeitraum um 300 Prozent, also langsamer als der Umsatz. Der Umsatz pro Mitarbeiter liegt bei 6,6 Millionen Dollar, mehr als bei jedem Unternehmen der Magnificent 7 außer Nvidia. Anthropic beschäftigt rund 5.300 Angestellte. Chip-Aktien wie Nvidia, Broadcom und AMD legten nach der Veröffentlichung des Prospekts zu.
Bestehende Kunden vervielfachen ihre Ausgaben
Die sogenannte Net-Revenue-Retention liegt bei rund 900 Prozent. Die Kennzahl zeigt, wie sich die Ausgaben bestehender Kunden im Jahresvergleich entwickeln. Bei Anthropic verneunfachen sie sich also, ein Wert, der das Skalierungspotenzial von KI verdeutlicht, bedenkt man, dass die meisten Implementierungen wahrscheinlich noch eher oberflächlich sind, von menschlicher Bedienung abhängen und KI daher noch eher langsam arbeitet.
Mehr als 11.900 Kunden zahlen mehr als 100.000 Dollar jährlich, rund 250 geben sogar mehr als 10 Millionen Dollar aus. Kein einzelner Kunde macht dabei mehr als zehn Prozent des Umsatzes aus, aber fünf Kunden liefern zusammen 25 Prozent des Umsatzes. Geht man davon aus, dass darunter Unternehmen wie Meta, Google oder Microsoft sind, die auf eigene oder günstigere Modelle wechseln könnten, ist das ein Risiko.
Besonders umsatzstark sind Nutzer von Claude Enterprise, die zusätzlich Claude Code verwenden. Sie geben laut Prospekt etwa 20-mal mehr aus als andere Kunden. 80 Prozent des Umsatzes werden nach tatsächlicher Nutzung abgerechnet, also pro verarbeitetem Token als kleinster Verrechnungseinheit bei KI‑Modellen. Die restlichen 20 Prozent stammen aus festen Abonnements.
Das könnte ein Indiz dafür sein, wie stark Abonnements noch querfinanziert werden, zeigt aber auch, dass Anthropic hier Luft nach oben hat an der Preisschraube. Die Prognose fürs nächste Jahr soll hauptsächlich nutzungsbasiert sein.
780 Milliarden Dollar an Verpflichtungen
Allerdings ist Anthropic massive finanzielle Verpflichtungen eingegangen. Rechenkapazitäten bei Broadcom, Google, Amazon, Microsoft und weiteren Anbietern summieren sich auf rund 780 bis 810 Milliarden Dollar. Der Umsatz ist variabel und nutzungsabhängig, die Rechenkosten sind mehr oder weniger fix und langfristig gebunden.
Das Unternehmen muss also weiter kräftig wachsen, um diese mehr oder weniger verbindlichen Zukunftskosten bezahlen zu können. Könnte es das nicht, könnte der KI-getriebene Kapitalmarkt ins Wanken geraten. Anthropic baut unter dem Namen "Anthropic Direct" auch eigene Rechenzentren, um langfristig flexibler und kostengünstiger zu werden.
Hinzu kommt, dass Anthropic die Zahlen des dritten Quartals im Prospekt nicht berücksichtigt hat, obwohl sie dem Unternehmen bereits vorliegen. Ein möglicher Grund ist, dass sich Anthropics Wachstum im dritten Quartal deutlich verlangsamt hat.
Allerdings könnte sich die Stimmung hier schon wieder gedreht haben: Laut Daten von OpenRouter ist die Nachfrage nach Anthropic-Modellen nach dem Oktober-Release der 5.5er-Serie, insbesondere Opus 5.5, wieder deutlich gestiegen. OpenRouter bildet allerdings nur einen winzigen Teil der gesamten Token-Nachfrage ab, tendenziell mit einem Bias zu Open-Weight-Modellen. Wenn Anthropic hier also dominiert, dann wahrscheinlich an anderen Stellen erst recht.
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