Anthropic weist Pentagon-Ultimatum zurück

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27. Februar 2026 Bernd Müller

Nahaufnahme von Cowork Claude Code By Anthropic

(Bild: Nwz / Shutterstock.com)

Das Pentagon droht Anthropic mit schweren Sanktionen, sollte das KI-Unternehmen seine Sicherheitsvorkehrungen nicht aufgeben. Doch CEO Amodei bleibt hart.

Zwischen dem US-Kriegsministerium und dem KI-Unternehmen Anthropic eskaliert ein Machtkampf, der weit über einen gewöhnlichen Vertragsstreit hinausgeht.

Am Dienstag empfing Verteidigungsminister Pete Hegseth den Anthropic-Chef Dario Amodei im Pentagon, wie Telepolis berichtete. Dabei setzte er ihm eine knappe Frist: Bis Freitag, 17:01 Uhr Ostküstenzeit, müsse das Unternehmen sämtliche Einschränkungen für die militärische Nutzung seiner KI-Software Claude fallen lassen.

Zwei Tage später machte Amodei in einer öffentlichen Stellungnahme klar, dass er nicht einlenken werde: "Wir können ihrer Forderung nicht guten Gewissens nachkommen".

Worum es in dem Streit konkret geht

Im Kern dreht sich der Konflikt um zwei Bedingungen, die Anthropic für den Einsatz seiner Technologie durch das Militär stellt.

Das Unternehmen will verhindern, dass Claude zur flächendeckenden Überwachung der eigenen Bevölkerung genutzt wird. Ebenso lehnt es den Einsatz in Waffensystemen ab, die ohne menschliches Eingreifen eigenständig über Leben und Tod entscheiden.

Für das Pentagon sind solche Vorgaben eines privaten Unternehmens inakzeptabel. Die Militärführung pocht darauf, Claude ohne jede Auflage in allen gesetzlich zulässigen Bereichen verwenden zu dürfen.

Ein Kompromissversuch des Verteidigungsministeriums scheiterte am Donnerstag. Anthropic erklärte, der überarbeitete Vertragstext habe zwar Zugeständnisse angedeutet, gleichzeitig aber Schlupflöcher enthalten, mit denen sich die beiden Schutzklauseln jederzeit hätten aushebeln lassen.

Welche Druckmittel das Pentagon einsetzt

Das Verteidigungsministerium fährt schwere Geschütze auf. Zum einen droht es mit dem Defense Production Act – einem Gesetz aus der Ära des Koreakriegs, das den Staat ermächtigt, Unternehmen zur Lieferung kriegswichtiger Güter zu zwingen.

Zum anderen könnte das Pentagon Anthropic als Risiko für die militärische Lieferkette einstufen. In der Praxis hieße das: Rüstungskonzerne wie Lockheed Martin und Boeing sowie der enge Technologiepartner Palantir müssten nachweisen, dass sie keine Anthropic-Produkte verwenden.

Laut Berichten des Wall Street Journals hat das Ministerium bereits bei diesen Firmen angefragt, wie stark sie auf Claude angewiesen sind.

Pentagon-Sprecher Sean Parnell formulierte die Drohung am Donnerstag auf der Plattform X unmissverständlich: "Wir werden KEINEM Unternehmen erlauben, uns die Bedingungen für unsere operativen Entscheidungen zu diktieren".

Rechtsexperten halten ein solches Vorgehen gegen ein amerikanisches Tech-Unternehmen für nahezu beispiellos. Alan Rozenshtein, Juraprofessor an der University of Minnesota, nannte die Drohungen gegenüber Bloomberg "völlig unangemessen" und verwies darauf, dass derartige Maßnahmen bislang ausländischen Gegnern wie dem chinesischen Konzern Huawei vorbehalten waren.

Warum das Militär auf Anthropic angewiesen ist

Die Schärfe des Streits erklärt sich auch durch die besondere Stellung von Claude im Sicherheitsapparat. Anthropic war das erste KI-Unternehmen, das eine Freigabe für den Einsatz in geheimen Cloud-Umgebungen des Militärs erhielt.

Über die Kampfmanagement-Plattform Maven Smart System des Partners Palantir fand die Software Eingang in operative Abläufe. Ein vollständiger Austausch würde die KI-Kapazitäten des Pentagons nach Einschätzung von Insidern, so berichtet Bloomberg, um mindestens ein halbes Jahr zurückwerfen.

Gleichzeitig baut das Verteidigungsministerium Alternativen auf. Elon Musks Unternehmen xAI erhielt kürzlich ebenfalls die Zulassung für geheime Arbeiten und akzeptierte die Bedingungen des Militärs ohne Vorbehalte. Auch mit OpenAI und Google laufen Gespräche.

Amodei selbst räumte ein, dass es das Vorrecht des Ministeriums sei, Auftragnehmer auszuwählen, die zur eigenen Linie passen – äußerte aber die Hoffnung, das Pentagon werde seine Haltung überdenken.

Ein Konflikt mit politischer Sprengkraft

Der Ton zwischen beiden Seiten wird zunehmend persönlich. Emil Michael, Unterstaatssekretär für Forschung und Technik, warf Amodei auf X einen "Gott-Komplex" vor und beschuldigte ihn, die Sicherheit des Landes aufs Spiel zu setzen.

Amodei konterte laut Wall Street Journal, die Drohungen des Pentagons widersprächen sich selbst: Sein Unternehmen werde gleichzeitig als Sicherheitsrisiko und als unverzichtbar für die nationale Verteidigung dargestellt.

Hinter dem Einzelfall zeichnet sich eine grundsätzliche Weichenstellung ab. Die neue KI-Strategie des Pentagons fordert eine "KI-first"-Streitkraft und verlangt ausdrücklich Modelle, die frei von Nutzungsbeschränkungen sind.

Für Anthropic – mit einer Bewertung von rund 380 Milliarden US-Dollar eines der wertvollsten KI-Unternehmen weltweit – steht dabei weit mehr auf dem Spiel als der aktuelle Vertrag über bis zu 200 Millionen US-Dollar.

Ein Ausschluss aus der Lieferkette könnte das gesamte Regierungsgeschäft gefährden. Wie das Unternehmen und das Militär diesen Konflikt lösen, dürfte einen Präzedenzfall dafür schaffen, wo künftig die Grenze zwischen unternehmerischer Verantwortung und staatlicher Hoheit bei der militärischen Nutzung künstlicher Intelligenz verläuft.

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