04. Februar 2026 Matthias Lindner
(Bild: Tada Images / Shutterstock.com)
Ein KI-Werkzeug für juristische Arbeiten löste Panikverkäufe aus. Experten fürchten: Ganze Geschäftsmodelle stehen auf dem Spiel.
Ein neues KI-Tool von Anthropic, das für juristische Tätigkeiten eingesetzt werden kann, hat die Aktienmärkte in Aufruhr versetzt. Am Dienstag büßten Unternehmen aus den Bereichen Software und Finanzdienstleistungen insgesamt etwa 285 Milliarden US-Dollar an Börsenwert ein.
Branchenkenner bezeichnen die Situation als "SaaSpocalypse", heißt es bei Bloomberg.
Ein Aktienkorb von Goldman Sachs mit US-Softwarewerten sackte innerhalb eines Tages um sechs Prozent ab. Der S&P North American Software Index ging ebenfalls auf Talfahrt – und setzte damit einen negativen Trend fort: Im Januar rutschte er bereits um 15 Prozent ab.
Automatisierung juristischer Prozesse als Katalysator
Anthropic stellte ein Werkzeug vor, das Vertragsprüfungen, NDA-Triage und Compliance-Workflows automatisieren kann. Firmen können die Automatisierung an ihre internen Vorgaben anpassen.
Nutzer erhalten Befehle zur Steuerung: Eine Funktion analysiert Vertragsklauseln und kennzeichnet problematische Stellen farblich mit konkreten Verbesserungsvorschlägen.
Eine andere sortiert eingehende Geheimhaltungsvereinbarungen nach Prüfungsbedarf. Das Unternehmen betont ausdrücklich, dass Juristen die Ergebnisse kontrollieren müssen.
Vom Nischenanbieter bis zum Branchenriesen betroffen
Zunächst traf es Firmen mit Schwerpunkt auf Rechtsinformationen. Die Börse in London verlor dreizehn Prozent ihres Werts, der Informationsdienstleister Thomson Reuters 16 Prozent. Der Online-Rechtsservice Legalzoom brach um 20 Prozent ein.
Schnell erfasste der Abwärtssog die gesamte Softwareindustrie. Die Grafik- und Dokumentensoftware-Hersteller Adobe sowie der CRM-Anbieter Salesforce gaben jeweils rund sieben Prozent nach. Microsoft verlor weitere drei Prozent – innerhalb weniger Tage summierte sich der Verlust auf über dreizehn Prozent.
Im Finanzsektor erwischte es besonders Kreditgeber. Die Investmentgesellschaft Blue Owl Capital sank um 13 Prozent. Die Private-Equity-Häuser Ares Management, KKR und TPG büßten mehr als zehn Prozent ein.
Doppelte Bedrohung durch Modellanbieter
Anders als spezialisierte Legal-Tech-Startups entwickelt Anthropic die grundlegenden KI-Systeme selbst. Diese lassen sich gezielt für einzelne Branchen optimieren.
Dadurch entsteht Druck auf zwei Ebenen: Etablierte Datenanbieter sehen sich ebenso herausgefordert wie junge KI-Firmen im Rechtsbereich.
Start-ups wie Harvey AI mit einer Bewertung von fünf Milliarden US-Dollar nutzen Basissysteme externer Entwickler. Wenn diese Anbieter nun eigene Branchenlösungen präsentieren, verschärft sich der Wettbewerb erheblich.
Quartalszahlen bestätigen Branchenschwäche
Die aktuellen Geschäftsergebnisse unterstreichen die angespannte Lage. Lediglich 71 Prozent der Softwarefirmen im S&P 500 übertrafen die Umsatzprognosen. Im gesamten Technologiesektor gelang dies 85 Prozent der Unternehmen.
Microsoft legte solide Zahlen vor, doch Investoren konzentrierten sich auf das nachlassende Wachstum im Cloud-Geschäft bei gleichzeitig steigenden Investitionen in KI-Infrastruktur. Die Aktie verlor daraufhin an einem Tag zehn Prozent. Auch ServiceNow und SAP nährten Zweifel am künftigen Expansionstempo.
Gegen den Trend entwickelte sich Palantir Technologies. Das Analyseunternehmen steigerte seinen Umsatz im Schlussquartal um 70 Prozent. Der Kurs legte um knapp sieben Prozent zu.
Risikoprüfung bei Beteiligungsgesellschaften
Die Verunsicherung erreichte auch Private-Equity-Investoren. Mehrere Gesellschaften lassen ihre Portfolios auf anfällige Softwarebeteiligungen durchleuchten. Apollo reduzierte den Softwareanteil in seinen Kreditfonds um nahezu die Hälfte.
Ein Fondsmanager bringt laut Bloomberg die Herausforderung auf den Punkt: In diesem Jahr entscheide sich, welche Firmen von KI profitieren und welche verdrängt werden.



