10 Jahre Wartezeit: Atomkraft kommt wohl zu spät für den KI-Boom

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13. November 2025 Bernd Müller

Blick auf die Kuppel des Kernreaktors Sizewell B auf dem Gelände des künftigen Kraftwerks Sizewell C

(Bild: David Calvert / Shutterstock.com)

Während Tech-Konzerne auf mehr Strom drängen, zeigt ein Blick auf aktuelle Projekte: Neue Reaktoren brauchen deutlich länger als geplant.

Die Atomkraft wird als Energiequelle wieder verstärkt genannt, mit welcher der enorme Energiebedarf von Rechenzentren gedeckt werden soll. Zuletzt hatte die US-Regierung ein Abkommen mit Westinghouse Electric geschlossen, um den Bau neuer Atomreaktoren zu finanzieren.

Doch trotz der milliardenschweren Zusage wird in den nächsten zehn Jahren wohl kaum neue Atomleistung ans Netz gehen, heißt es bei Bloomberg.

Westinghouse im Zentrum der Atomkraft-Offensive

Dabei ist die Unterstützung der US-Regierung enorm: Sie stemmt nicht nur einen erheblichen Teil der Finanzierung, sie hat auch zugesagt, Genehmigungen zu unterstützen. Zusätzlich hat sie sich als Erstabnehmer für mehrere Reaktoren ins Spiel gebracht.

Im Gegenzug erhält sie 20 Prozent der Dividenden oberhalb eines Schwellenwerts von 17,5 Milliarden US-Dollar und könnte über Optionsscheine eine Beteiligung an dem Unternehmen erhalten.

Die Pläne der Trump-Regierung sind ehrgeizig: Bis 2030 sollen zehn neue Reaktoren gebaut werden. Doch realistische Einschätzungen, so Bloomberg, gehen davon aus, dass in zehn Jahren nur zwei Kraftwerke tatsächlich in Betrieb gehen werden.

"Im Nuklearbereich geschieht nichts über Nacht", wird Jeffrey Merrifield, ehemaliger Kommissar der Nuclear Regulatory Commission, zitiert.

Bauzeiten und Lieferketten bremsen Atomkraft-Ausbau

Dass mit 80 Milliarden US-Dollar genügend Atomreaktoren gekauft werden könnten, ist, wie Bloomberg zeigt, nur eine theoretische Annahme. Denn der Bau traditioneller Reaktoren dauert zehn Jahre oder länger.

Zudem dauert es wohl Jahre, bis wichtige Komponenten geliefert werden können. So beträgt laut Wyatt Hartley von Brookfield Asset Management, Bloomberg berichtet, die Lieferzeit für Reaktordruckbehälter und andere Schlüsselkomponenten bis zu vier Jahre.

Auch müssten Akw-Betreiber und -entwickler Tausende Fachkräfte einstellen – und die sind aufgrund der weltweiten Nachfrage rar. Für die geplanten Großreaktoren sind bisher weder Standorte noch Stromabnehmer benannt.

Kleine modulare Reaktoren bislang nicht einsatzbereit

Auch kleine, modulare Reaktoren sind bisher nicht einsatzbereit. Unternehmen wie Oklo, TerraPower und Kairos haben mit Bauarbeiten begonnen, verfügen aber über keine Genehmigung für kommerzielle Systeme. Kairos könnte frühestens um 2030 ein 50-Megawatt-Projekt beliefern.

"Sie schieben nur Bulldozer herum", sagte Chris Gadomski, Chefanalyst für Kernenergie bei BloombergNEF.

Wiederinbetriebnahmen als kurzfristige Lösung

Der am schnellsten wachsende Teil der Branche sind Wiederanlaufprojekte. Das Kraftwerk Palisades in Michigan soll Anfang nächsten Jahres wieder in Betrieb gehen, Three Mile Island 2027 und Duane Arnold 2029.

Diese drei Wiederinbetriebnahmen würden zusammen höchstens 2,2 Gigawatt Strom produzieren. Die Liste weiterer Kandidaten ist laut Bloomberg sehr kurz.

Ungeklärte Finanzierung und Kostenrisiken

Auch die Verteilung der 80 Milliarden Dollar ist ungeklärt. Unklar bleibt auch, wer Kostenüberschreitungen trägt. Das letzte Westinghouse-Projekt in Vogtle kostete 35 Milliarden US-Dollar – mehr als doppelt so viel wie geplant – und lag sieben Jahre hinter dem Zeitplan. Ein ähnliches Projekt in South Carolina wurde 2017 aufgegeben.

Sicherheitsexperten befürchten zudem, dass finanzielle Anreize die Unabhängigkeit der Nuclear Regulatory Commission gefährden könnten. Das Weiße Haus wies die Bedenken zurück: "Das Regulierungssystem bleibt unverändert."

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